#Story

Was kommt?

Die Chef­volks­wirtin Dr. Gertrud R. Traud über die Zukunft Eu­ro­pas, eine zweite Wel­le, US-Wahlen und den Brexit.

22. Juli 2020

Wie wird sich Europa durch Corona verändern?

Die Corona-Pandemie hat alle EU-Länder ins Mark getroffen: Der Lock­down im März hat die Nach­frage abrupt gebremst, ins­beson­dere in Sek­toren, die davon leben, dass sich Menschen treffen. Liefer­ket­ten wurden unter­brochen und der Waren­handel beein­trächtigt. Auch die Frei­zügig­keit von Personen wurde durch die Pan­demie­bekämpf­ung außer Kraft gesetzt. Noch nie seit der Schaf­fung des Binnen­marktes 1993 kam es zu einer so umfas­sen­den, aber offenbar not­wen­digen Ver­letzung der gel­tenden Prin­zipien.

Für euro­päische Ver­hält­nisse kam die Reak­tion auf die Krise rasch, ko­or­di­niert und ent­schlossen: Finan­zielle Hilfen wie das Kurz­arbeiter­geld SURE, die Unter­stützung von EIB und ESM sowie die Um­wid­mung von Struktur­fonds­mitteln sollen dazu beitragen, den wirt­schaft­lichen Schock zu mildern.

Die Eini­gung auf den 750-Mrd.-Euro schweren Wieder­auf­bau­plan auf dem jüngsten EU-Gipfel war aller­dings alles andere als einfach. Zu­sam­men mit dem neuen Mehr­jährigen Finanz­rahmen für die Jahre 2021 bis 2027 haben die Mit­glieds­länder nach langen Ver­hand­­lungen schließlich Hand­lungs­fähig­keit bewiesen.

Wichtig ist nun, dass die Mittel schnell und sinnvoll ein­ge­setzt werden. Davon wird ab­hängen, ob hier Chancen genutzt werden und Europa letztlich gestärkt aus der Krise hervor­geht, oder ob über die verein­barten Zu­schüs­se in drei­stel­liger Milliarden­höhe und erst­mals eine gemein­same Schulden­auf­nahme nur der Weg in die Trans­fer­union fort­gesetzt wird.

Was passiert, wenn es zu einer zweiten Welle kommt?

Wenn die Zahl der Neu­infektio­nen wieder spürbar anziehen sollte, ohne dass es bei Therapie oder Impf­stoff einen Durch­bruch gegeben hat, stehen die Regie­run­gen vor einer extrem unan­geneh­men Ent­schei­dung. Eine Neu­auf­lage der dra­stisch­en Lock­downs würde zwar wohl wie in der ersten Runde die An­steckun­gen ein­däm­men.

Bereits die erste Welle an Be­schrän­kungen hat aber nicht nur in den meisten Län­dern poli­tische Pro­teste aus­gelöst, sondern auch die Be­last­bar­keit der Wirt­schaft auf eine ernste Probe gestellt. Mit Hilfe von Fiskal­pake­ten von vorher schier un­vor­stell­barer Größe haben die In­dustrie­länder den Effekt von Pan­demie und Lock­down auf Unter­nehmen und private Haus­halte teilweise ab­federn können. Trotzdem wird die Kontraktion 2020 auch ohne zweite Welle vielerorts die stärkste sein seit es die moderne Wirt­schafts­statistik gibt.

Um einen erneuten Schock dieser Größen­ord­nung zu vermeiden, werden wohl stärker ziel­gerich­tete und regional be­schränk­te Instru­mente erforderlich sein – auch wenn sie vom epi­demio­logischen Stand­punkt aus vielleicht nicht opti­mal sind.

Auf was muss sich die Welt­wirt­schaft im US-Wahl­kampf einstellen?

Zunächst besteht das Risiko, dass der amtie­rende Präsi­dent in den Mona­ten bis zur Wahl noch unbe­rechen­barer agiert, nur um sich einen kurz­fristi­gen Vorteil in der öffent­lichen Meinung zu ver­schaf­fen. Dies betrifft in erster Linie die Handels­politik und speziell das äußerst an­ge­spannte Ver­hält­nis zu China. Aller­dings dürfte sich auch Joe Biden kaum als China­freund posi­tio­nieren. Der Wahl­kampf selbst sollte vor allem an den Finanz­märkten mit Span­nung verfolgt werden, schließlich unter­scheiden sich Bidens Pläne für die Steuer-, Klima- und Re­gulie­rungs­politik drastisch von denen Trumps.

Aber Inhalte scheinen in diesem Wahl­kampf eine eher unter­geord­nete Rolle zu spielen. Für die „Real­wirt­schaft“, vor allem außerhalb der USA, dürften daher von dieser Seite weder größere positive noch negative Im­pulse ausgehen. Wahr­schein­lich wird bis zum Wahl­tag nicht klar erkenn­bar sein, wer letzt­lich das Ren­nen machen wird. Die drän­gen­de Frage nach der kurz­frist­igen Haus­halts­politik in der Pan­demie liegt ohne­hin in den Händen des aktuel­len Kon­gresses. Hier sind die zukünf­tigen Mehr­heits­ver­hält­nis­se genau­so un­­sicher wie der Aus­gang der Präsi­­den­ten­wahl.

Was ist eigentlich mit dem Brexit?

Nach dem EU-Austritt der Briten am 31. Januar soll bis Ablauf der Über­gangs­phase Ende 2020 das zu­künf­tige Verhält­nis ausgehandelt werden. Trotz der Corona-Krise wird die Frist nicht verlängert. Dabei stocken die Ver­hand­lungen. Die Zeit drängt, denn die Parteien müssen sich bis Ok­to­ber einigen, um den Ver­trag noch rati­fi­zieren zu können.
  
Die Briten streben ein Frei­handels­abkom­men an, d.h. sie werden EU-Binnen­markt und Zoll­­union verlassen. Der Waren­­handel soll weit­gehend zoll­frei erfolgen, jedoch möch­ten die Briten eigene Stan­­dards festlegen. Dagegen beharrt die EU auf ihren Regeln und verlangt die Einhaltung der „fairen“ Wett­­be­werbs­­be­­din­gun­gen („Level Playing Field“). Streit­punkte gibt es darüber hinaus u.a. in der Fischerei, im Finanz­sektor sowie der Zustän­digkeit des Euro­päischen Gerichts­hofs. In einem Kom­pro­­miss müssten die Briten im Waren­­handel wohl bis auf Aus­­­nah­­men die bis­herigen EU-Stan­­dards akzeptieren.

Aber auch bei einem Deal werden Zoll­for­mali­täten erfor­der­lich sein. Im Ver­gleich zum Vor­jahr berei­ten sich im­mer­hin beide Parteien besser darauf vor. Damit sind die Grenzen zwischen einer Eini­gung und einem Schei­tern der Ver­hand­­lungen trotz einer im letz­teren Fall nötigen Ein­­führung von Zöllen weniger scharf, zumal einige Punkte bereits im Austritts­­­vertrag geklärt wurden. Aller­­dings wird ein wirt­­schaft­licher Rück­­schlag – selbst wenn er nicht so groß ist – angesichts der Corona-Krise kaum im Inter­esse der britischen Regierung sein. Un­ge­achtet der aktuellen Rhetorik erwarten wir daher, dass sich die Briten und die EU letztlich zumindest auf ein Rumpf­abkommen verstän­digen und noch etliche Punkte nach­­ver­­han­delt werden. 

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba
Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba

Dr. Gertrud R. Traud

Seit 15 Jahren ist Dr. Gertrud R. Traud Chef­volks­wirtin der Helaba und eine der ganz wenigen Frauen in dieser Position in Deutsch­land. Gemein­sam mit ihrem Re­search-Team ver­öffent­licht sie neben zahl­reichen Publi­kati­onen jährlich im Herbst „Märkte und Trends – Der Jahres­ausblick für Kon­junktur und Kapital­märkte“. Darin ent­wickelt sie ver­schie­dene welt­wirt­schaft­liche Szenarien für das kommende Jahr, die immer einem Motto folgen. Ihre Pro­gnosen haben sich bisher als äußerst treff­sicher erwiesen.

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