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title: "Finanzplatz Fokus: Brexit "
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updated: 2026-09-28
keywords: Länder & Regionen, Finanzplatz Fokus
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# Finanzplatz Fokus: Brexit 

Helaba Volkswirtschaft/Research FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 1 3. November 2016 Die Publikation ist mit größter Sorgfalt bearbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegen- wärtigen und zukünftigen Marktverhältnissen. Die An- gaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Voll- ständigkeit oder Aktualität wir aber keine Gewähr überneh- men können. Sämtliche in dieser Publikation getroffe- nen Angaben dienen der In- formation. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfeh- lung für Anlageentscheidun- gen verstanden werden. AUTOR Ulrike Bischoff Telefon: 0 69/91 32-52 56 research@helaba.de REDAKTION Dr. Stefan Mitropoulos HERAUSGEBER Dr. Gertrud R. Traud Chefvolkswirt/ Leitung Research Helaba Landesbank Hessen-Thüringen MAIN TOWER Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main Telefon: 0 69/91 32-20 24 Telefax: 0 69/91 32-22 44 Brexit – Let’s go Frankfurt Unter den europäischen Finanzplätzen ist Frankfurt die klare Nr. 2 hinter London. Mit zahlrei- chen Standortqualitäten ist die Main-Metropole ein attraktiver Finanzplatz für in- und ausländi- sche Player und kann die bevorzugte Adresse für Brexit-bedingte Jobverlagerungen werden, welche viele Londoner Institute bereits intern vorbereiten. Doch mit Paris, Dublin, Luxemburg oder auch Amsterdam gibt es ernstzunehmende Konkurrenten in diesem mehrjährigen Um- strukturierungsprozess. Damit Frankfurt tatsächlich zum vorrangigen Brexit-Gewinner wird, bedarf es mehr Selbstbe- wusstsein sowie der Betonung des besonderen Charakters und der hohen Lebensqualität der Main-Metropole. Darüber hinaus sind ein konzertiertes Eintreten aller maßgeblichen Akteure für das deutsche Finanzzentrum und eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen wesent- liche Voraussetzungen für den Erfolg. In unserem Basisszenario dürften die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU letztlich auf einen Kompromiss hinauslaufen. Trotz Image-Schaden und Einschränkungen beim Binnenmarktzugang bleibt London der bedeutendste Finanzplatz Europas. Angesichts seiner herausragenden Position hat Frankfurt aber gute Chancen auf mindestens die Hälfte der zur Disposition stehenden Finanzjobs. Unter sehr vorsichtigen Annahmen wären dies über einen Zeitraum von mehreren Jahren insgesamt mindestens 8.000 Mitarbeiter, was der Konsolidie- rung in den hiesigen Bankentürmen entgegenwirken würde. Ende 2018 sollte die Frankfurter Bankbeschäftigung nicht unter das aktuelle Niveau von gut 62.000 Stellen gefallen sein. Quelle: Helaba Volkswirtschaft/Research London Dublin Paris Frankfurt Luxemburg Amsterdam FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 2 Status quo am Finanzplatz Frankfurt … Das deutsche Finanzzentrum besitzt eine hohe Attraktivität für internationale Akteure. Zahlreiche Banken aus vielen verschiedenen Ländern sind am Main ansässig. Während der letzten zehn Jahre sind immer mehr Kreditinstitute ausländischer Herkunft nach Frankfurt gekommen. So be- trieben Mitte 2016 rund 160 Auslandsbanken ihre Geschäfte von der Main-Metropole aus. Dies sind 80 % aller hier mit Hauptsitz angesiedelten Banken. Zudem gab es etliche Repräsentanzen. Die Community am deutschen Finanzzentrum wird darüber hinaus von unzähligen anderen finanz- bezogenen Dienstleistern aus dem In- und Ausland belebt, was für ein reges Treiben in der Main- Metropole sorgt. Moderate Personalanpassungen am Main Wellenbewegung der Frankfurter Bankbeschäftigung Anzahl Beschäftigte im Stadtgebiet % \* statistischer Bruch; Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research \* statistischer Bruch; Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research Frankfurt beschäftigt in seiner Finanzindustrie insgesamt rund 74.700 Menschen, im Bankensektor als dem pulsierenden Herzstück 62.300 (letzter Stand vom Frühjahr 2016). Im europäischen Ver- gleich weist das deutsche Finanzzentrum eine recht solide Beschäftigungsentwicklung auf. Seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008 hat in den hiesigen Bankentürmen eine wellenförmige Adjustierung des Personals stattgefunden. Auf die leichten Kürzungen bis Mitte 2010 folgten zahl- reiche Neueinstellungen, bevor es im ersten Halbjahr 2013 zur erneuten Gegenbewegung kam – allerdings wieder nur vorübergehend. Abstrahiert von einem statistischen Sondereffekt zum Jah- resbeginn 2014 hat die Frankfurter Bankbeschäftigung dann seitwärts gependelt und zuletzt eine Konsolidierungstendenz herausgebildet. Soweit die solide Performance des deutschen Bankenzentrums – wie stellt sich aber der Standort für wechselwillige Akteure in London dar? Die Main-Metropole signalisiert respektvoll ihr Interesse an potenziellen Neuzugängen und promotet auf verschiedene Weise ihre Qualitäten: Unmittelbar nach der Brexit-Entscheidung Ende Juni wurde speziell dafür eine Homepage über den Standort Frankfurt freigeschaltet (https://welcometofrm.com/). Seit kurzem gibt es an der Themse ein Büro der Wirtschaftsförderungsgesellschaft FrankfurtRheinMain GmbH, die als Koordinator des hiesigen Finanzplatz-Marketings fungiert. Hierbei sind auch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Ener- gie, Verkehr und Landesentwicklung sowie Frankfurt Main Finance e.V. und die Hessen Trade &amp; Invest GmbH aktiv. Im August reiste der hessische Wirtschaftsminister mit einer breit zusammen- gesetzten Delegation verschiedener Finanzplatz-Vertreter nach London, um mit den Banken dort in den Dialog zu gehen. An dieses Marketing knüpfte im September der Frankfurter Oberbürger- meister mit einer ebenfalls hochkarätig besetzten Roadshow an, die sich gerade auch an Unter- nehmen jenseits der Finanzbranche richtete. … und in London Gemessen an der Mitarbeiterzahl ist die Londoner City unbestritten der größte Finanzplatz Euro- pas, wobei es allerdings Definitionsunterschiede in der sektoralen und räumlichen Abgrenzung zu berücksichtigen gilt. Im Jahr 2015 gab es in der dortigen Finanzindustrie knapp 400.000 Beschäf- tigte (schätzungsweise rund 144.000 im Bankensektor). Demgegenüber waren etwa 147.000 Men- schen im Finanzsektor in Paris tätig, fast 75.000 in Frankfurt. Mit größerem Abstand folgen weitere 70.000 71.000 72.000 73.000 74.000 75.000 76.000 60.000 61.000 62.000 63.000 64.000 65.000 66.000 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014\* 2015 2016 Bankensektor inkl. Börse (linke Skala) Finanzindustrie (rechte Skala) -4 -2 0 2 4 -4 -2 0 2 4 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014\* 2015 2016 gg. Vorjahr gg. Vor- quartal Zahlreiche internationale Finanzplatz-Akteure Frankfurt im Dialog mit Unternehmen in London FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 3 kontinentaleuropäische Standorte. So entfielen auf die Finanzbranche in Luxemburg und Amster- dam rund 45.000 bzw. 44.000 Mitarbeiter, etwa 23.000 sind es in Dublin. Allein diese Größenun- terschiede verdeutlichen, dass selbst ein moderater Beschäftigungsverlust in London den kleine- ren Finanzplätzen zu einem prozentual beachtlichen Beschäftigungsgewinn verhelfen könnte. Die Banken in London haben ihre Kommunikationspolitik verändert: Im Vorfeld des Referendums hatte so manches Institut mit dem Abzug von Personal aus London im Falle eines Brexit gedroht. Als Ziel wurde dabei meist Frankfurt genannt oder auch Dublin, was verschiedene Umfragen be- stätigen. Die Umzugspläne haben sich mittlerweile sicherlich bei vielen konkretisiert, doch dringt davon nur noch wenig nach draußen. Trotz der internen Sondierung von alternativen Finanzplät- zen kommt beim Gros der Londoner Banken derzeit eine abwartende Haltung zum Ausdruck. Finanzsektor Londons weitaus am größten Londoner Banken sondieren Jobverlagerungen Anzahl Beschäftigte 2015\* Beschäftigte in Londoner Investmentbanken \* Paris 2014; Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank, INSEE, ONS, Stationery Office, Statec, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Financial Times, Helaba Volkswirtschaft/Research Entscheidend für das Ausmaß der tatsächlichen Verlagerungen wird sein, inwieweit die Banken aus London heraus in Zukunft ihre europäischen Geschäfte tätigen können. Bislang agieren viele an der Themse ansässige Auslandsbanken mittels des sogenannten EU-Passes im Areal der Staatengemeinschaft. Gemäß der britischen Aufsichtsbehörde handelt es sich um rund 5.500 in Großbritannien registrierte Institute, die für ihre verschiedenen Aktivitäten in den einzelnen Mit- gliedsländern insgesamt über 336.000 Passregelungen nutzen. Doch es ist wahrscheinlich, dass mit dem Brexit der uneingeschränkte Zugang der Briten zum EU-Binnenmarkt und damit auch das Privileg der EU-Passrechte verloren gehen wird. Wie lassen sich der Zeitrahmen und das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU skizzieren? Wenn die Briten den Antrag zum Ausstieg bis Ende März 2017 stellen, wird voraussichtlich die gesamte laut EU-Vertrag für die Verhandlungen vorgesehene Zeit von zwei Jahren genutzt wer- den. Vor Frühjahr 2019 ist also nicht mit dem faktischen Brexit zu rechnen. Letztlich dürfte es auf einen Kompromiss hinauslaufen, bei dem sich die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen in Grenzen halten und der Finanzplatz London trotz einiger Einschränkungen beim EU- Binnenmarktzugang seine führende Rolle in Europa behält (Helaba-Prognose: 60 % Wahrschein- lichkeit).1 Im Konflikt-Szenario (30 %) nimmt das britische Finanzzentrum erheblichen Schaden, da der grenzüberschreitende Verkehr insbesondere bei Finanzdienstleistungen durch neue Regulie- rungen erheblich erschwert wird. Das am wenigsten wahrscheinliche, wenngleich nicht unmögliche Szenario Rosinenpicker ist, dass sich die Briten im „Scheidungsvertrag“ zu Lasten der EU deutli- che Vorteile heraushandeln (10 %). Bis zum Ausgang der Verhandlungen bleibt Großbritannien in der EU und die regulatorische Unsicherheit dauert an. Doch so lange können die Londoner Banken nicht abwarten, wollen sie ihre Geschäfte nahtlos und in vollem Umfang fortführen. Um als Institut einen EU-Pass in einem anderen Mitgliedsland wie Deutschland zu erhalten, ist von der Einreichung der Unterlagen bei der Aufsichtsbehörde bis zur 1 Vgl. Helaba Volkswirtschaft/Research: „Großbritannien: 100 % Brexit“ (Juni 2016). 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 400.000 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 400.000 Banken Finanzsektor Banken Finanzsektor 0 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 6.000 7.000 8.000 0 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 6.000 7.000 8.000 Brexit mit Kompromiss zu erwarten im Frühjahr 2019 Globale Investmentbanken dürften zeitnah mit Jobver- lagerungen beginnen FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 4 Zulassung eine Zeitspanne von mindestens einem Jahr einzukalkulieren. In der zweijährigen Übergangsfrist kann also bereits der Auf- bzw. Ausbau von Büros an anderen Finanzzentren statt- finden, inklusive der dafür ggf. notwendigen aufsichtsrechtlichen Genehmigungsprozesse. Dem- entsprechend dürften sich in absehbarer Zeit etliche Akteure konkret um ein zweites Standbein zusätzlich zu London kümmern, ihre Umzugsvorhaben anstoßen und einzelne Geschäftsbereiche verschieben. Dabei ist zunächst vorrangig an die global tätigen Investmentbanken zu denken, während die meisten kleineren Institute wohl erst später nachziehen. So mancher Finanzplatz- Akteur erwägt sogar bereits die Einrichtung seiner Europazentrale auf dem Kontinent. Insgesamt handelt es sich um einen mehrjährigen Umstrukturierungsprozess in den betroffenen Instituten wie auch im gesamten Finanzplatzgefüge Europas. Hierbei müssen nicht nur aufsichts- rechtliche Ansprüche erfüllt werden, sondern es stellen sich auch Herausforderungen beispiels- weise im Bereich Compliance sowie Datenschutz oder bei den Wertpapier- und Zahlungsverkehrs- systemen. Nach dem anfänglichen Abzug von Geschäftsaktivitäten aus London kann es allerdings mittel- bis langfristig zur gewissen Rückverlagerung an das größte europäische Finanzzentrum kommen. Denn Großbritannien wird mittels Deregulierung versuchen, den eigenen Finanzstandort besonders attraktiv auszugestalten und seine Anziehungskraft wieder zu erhöhen. In diesem gan- zen Brexit-induzierten Prozess wird London zwar der Finanzplatz mit der größten Bedeutung in Europa bleiben, aber sein Image wird in jedem Falle leiden. Chancen europäischer Finanzstandorte durch den Brexit Frankfurt ist das führende Finanzzentrum Kontinentaleuropas und hat sich in diesen schwierigen Zeiten der Finanzbranche gut behauptet. Unsere kurz vor dem Brexit-Votum erschienene Jubilä- umsstudie belegt die relative Bedeutung der drei großen Finanzplätze Europas: London vor Frank- furt vor Paris.2 Bei dieser breit angelegten komparativen Finanzplatz-Analyse standen fünf Kernkri- terien im Vordergrund, die wir als unverzichtbar für die erfolgreiche Positionierung im internationa- len Wettbewerb halten (vgl. Tabelle). Im zehnjährigen Vergleich wird deutlich, dass sich das deut- sche Finanzzentrum in vielerlei Hinsicht weiter bewegt und vor allem gegenüber dem französi- schen Boden gut gemacht hat. Jubiläumsstudie 2016: Standortbestimmung der drei großen Finanzplätze Europas  zeigt an, dass der Finanzplatz im Sinne internationaler Wettbewerbsfähigkeit gut aufgestellt ist;  weist auf Defizite hin;  signalisiert eine Position im Mittelfeld. Quelle: Helaba Volkswirtschaft/Research Mit seiner herausragenden Stellung im europäischen Finanzplatzgefüge besitzt Frankfurt eine hohe Anziehungskraft auf Akteure aus dem In- und Ausland. In der aktuellen Debatte um Abwan- derungen aus der Londoner City kommen folgende Assets der Main-Metropole besonders zum Tragen: Stabilität und Stärke der deutschen Volkswirtschaft, Sitz der EZB in ihrer Doppelfunktion, Verkehrsdrehscheibe mit guter Infrastruktur, relativ günstige Büromieten sowie eine hohe Lebens- qualität bei reichhaltigem Freizeitangebot in der Stadt und dem grünen Umland. 2 Vgl. Helaba Volkswirtschaft/Research (Juni 2016): „Finanzplatz Frankfurt bewegt sich weiter“. 2006 2016 2006 2016 2006 2016 Banken       Börsen       Finanzbez. Lehre &amp; Forschung       Trends in der Finanzbranche       Standortspezifische Qualitäten       Frankfurt London Paris Frankfurt eindeutig Nr. 2 hinter London in Europa Frankfurt punktet mit einigen Qualitäten für wechselwillige Banken FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 5 Dass Büroflächen am Main günstiger und einfacher zu finden sind als an Themse oder Seine ist offenkundig und auch unter Londoner Bankern unstrittig. In puncto Lebensqualität allerdings ist das deutsche Finanzzentrum weit besser als sein Ruf, was sich jedem für die Main-Metropole offenen Menschen erschließen sollte und auch zwei aktuelle Studien belegen. Frankfurt liegt im Ranking der lebenswerten Städte deutlich vor seinen Finanzplatz-Konkurrenten, sowohl in der Untersuchung der globalen Personalberatung Mercer als auch beim britischen Institut Economic Intelligence Unit (EIU). London rangiert in diesen Bewertungen der Lebensqualität hinter Frankfurt, und zwar mit einigem Abstand. Main-Metropole lockt mit recht günstigen Büros Unschlagbar hohe Lebensqualität in Frankfurt Durchschnittliche Büromiete in guten Lange, €/m² Ranking von lebenswerten Städten Quellen: Feri, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Mercer, EIU, Helaba Volkswirtschaft/Research Obendrein hat die als „gesettelt“ geltende Main-Metropole schlichtweg einen anderen Charakter als die hippe „City of London“ und ist damit schwerpunktmäßig für eine andere Zielgruppe von Bankern interessant. Während London mit seinem pulsierenden Nachtleben viele Young Professi- onals anzieht, hat Frankfurt mehr für Banker zu bieten, die von der Überholspur auf das Leben mit Familie einschwenken und die ihre Erfahrung in die Waagschale werfen können, was im Nach- klang der Finanzkrise kein zu unterschätzender Faktor sein sollte. In dieser Hinsicht reichen die zahlreichen Bars, Restaurants, Discos und das breite kulturelle Angebot Frankfurts bei weitem aus. Frankfurt hat sich darüber hinaus im Laufe der Jahre enorm gewandelt und nun so einige Szene-Locations zu bieten. Zum breiten Spektrum seiner Spielstätten zählt unter anderem das mitten im Bankenviertel gelegene, renommierte English Theatre – das größte seiner Art in Konti- nentaleuropa. Schließlich ist die englische Sprache mittlerweile in der Main-Metropole sehr verbrei- tet. Im Übrigen spielt die im Vergleich zu London günstigere Betreuung bzw. Ausbildung von Kin- dern eine nicht zu vernachlässigende Rolle für die Attraktivität Frankfurts. In der Region gibt es immer mehr Kindergärten und Schulen mit internationaler Ausrichtung. „Last but not least“ sind die Lebenshaltungskosten insgesamt relativ niedrig. Was von Außenstehenden oftmals als Provinzialität belächelt wird, erweist sich in der hiesigen Community als klarer Vorteil: In der Stadt der kurzen Wege mit hervorragender Verkehrsinfrastruk- tur ist der Weg ins Büro auch für die vielen regionalen Pendler noch überschaubar. Unzählige Lunch-Meetings finden auf bzw. nahe der Fressgass unkompliziert und schnell statt, so dass die Nähe der verschiedenen Finanzplatz-Akteure zueinander nicht unwesentlich zu ihrem Geschäfts- erfolg beiträgt. Zudem ist Frankfurt in seiner Rolle als europäische Aufsichtsmetropole der prädestinierte Standort für die länderübergreifende Bankenaufsichtsbehörde EBA (European Banking Authority), die nach dem Brexit nicht länger in London bleiben kann. Durch die stärkere Konzentration des europäi- schen Aufsichtswesens an einem zentralen Standort wie Frankfurt könnten erhebliche Effizienz- gewinne erzielt werden. Das deutsche Finanzzentrum, das bereits Standort einiger Aufsichtsinsti- tutionen ist, würde auf diese Weise als Hauptstadt des europäischen Aufsichtswesens gestärkt.3 3 Vgl. Helaba Volkswirtschaft/Research: „Frankfurt: Finanz- und Aufsichtsmetropole“ (März 2014). 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 London Paris Dublin Frankfurt Amsterdam Luxemburg 7 11 19 33 37 39 6 10 13 20 17 26 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Frankfurt Amsterdam Luxemburg Dublin Paris London EIU: Europa Mercer: global Frankfurt mit anderem Charakter als London – anders attraktiv Frankfurt bereits Haupt- stadt des europäischen Aufsichtswesens FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 6 Darüber hinaus besitzt Frankfurt Potenzial im Bereich des Megatrends Digitalisierung. In die richti- ge Richtung gehen hier das bald seine Pforten öffnende Tech-Zentrum unweit des Bankenviertels sowie das immer regere Treiben der innovativen Fintech-Szene am Main. All dies deutet auf Frankfurt als vorrangigen Profiteur des Brexit hin. Doch trotz der zahlreichen Standortqualitäten der Main-Metropole ist dies kein Selbstläufer. Schließlich gibt es einige ernstzu- nehmende Konkurrenten, die ebenfalls auf einen Mitarbeiterzustrom aus London hoffen. In erster Linie ist an Paris, Dublin und Luxemburg oder auch Amsterdam zu denken. Ebenso könnten osteu- ropäische Niedriglohnstandorte wie Warschau oder weniger bedeutendere Finanzplätze Europas ein Stück vom Kuchen abbekommen – allerdings ein deutlich kleineres (z.B. Madrid oder Mailand). Darüber hinaus könnte es bei einzelnen Instituten im Rahmen ihrer Konzernstrategie sogar Ver- schiebungen nach Übersee geben, beispielsweise an die globalen Finanzstandorte New York oder Hongkong. Die Liste potenzieller Brexit-Gewinner scheint also beliebig verlängerbar. Doch die Blickrichtung ist klar: Was macht neben Frankfurt auch Paris, Dublin, Luxemburg oder Amsterdam attraktiv für Londoner Banken? Paris ist hinter London und Frankfurt der drittwichtigste Finanzplatz in Europa und zugleich eine Weltstadt mit vielen kulturellen Reizen. Die anderen drei noch im Fokus stehenden Standorte sind wesentlich kleiner, allerdings mit ganz eigenen Vorzügen. So kann das London kulturell ähnliche Dublin mit dem Sprachvorteil und niedrigen Steuern punkten. Luxemburg charakterisiert sich als Fondsstandort mit vielen EU-Einrichtungen und Amsterdam als traditioneller, weltoffener Handels- platz, wobei beide ebenfalls mit Steueranreize aufwarten können. Gemäß einem Ranking der Weltbank ist die Steuerbelastung in Irland niedriger als in Großbritannien, gefolgt von Luxemburg und den Niederlanden. Erst mit einigem Abstand kommen Deutschland und zuletzt Frankreich. Steuerbelastung in europäischen Ländern Index (Unterkomponente von Doing Business), 2015 Text Quellen: Weltbank, Helaba Volkswirtschaft/Research Derartige Aspekte fließen in die Standortwahl der Londoner Finanzinstitute mit ein, so dass geziel- te Marketing-Aktivitäten zur Betonung der Qualitäten eines Finanzzentrums wichtig sind. Letztlich entscheidend wird jedoch die Kompatibilität mit der jeweiligen Geschäftsausrichtung und bisheri- gen institutsspezifischen Niederlassungsstruktur sein. Obendrein könnte eine gewisse Sogwirkung entstehen, wenn zu einem ähnlichen Zeitpunkt mehrere Banken signifikante Arbeitsplatzverlage- rungen hin zu ein und demselben Finanzplatz vornehmen. Und hierbei ist zuvorderst an Frankfurt als klare Nr. 2 hinter London im europäischen Finanzplatzgefüge zu denken. Handlungsempfehlungen für das deutsche Finanzzentrum Das deutsche Finanzzentrum ist verglichen mit seinen Konkurrenten in Europa gut aufgestellt. Mit dem britischen EU-Austritt bietet sich Frankfurt die reelle Chance für eine noch bessere Positionie- rung und gleichzeitig für eine Reduktion des Abstands zu London. Damit die Main-Metropole tat- sächlich zum vorrangigen Gewinner des Brexit-bedingten Prozesses wird, bedarf es ausdrücklich mehr Selbstbewusstsein. Denn die für Frankfurt sprechenden Fakten allein werden nicht ihre ge- wünschte Wirkung entfalten, wenn sie nicht in den Fokus der internationalen Wahrnehmung ge- 0 25 50 75 100 0 25 50 75 100 Irland Groß- britannien Luxem- burg Nieder- lande Deutsch- land Frank- reich Finanzplatz-Wettbewerb um Londoner Banken Wichtig sind Selbstbe- wusstsein und Betonung der hohen Lebensqualität FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 7 rückt werden und nachhaltig ins Bewusstsein der Londoner Akteure dringen. Wenn nicht die Frankfurter Finanzplatzregion souverän für sich selbst wirbt, wird es niemand tun. Bescheidenheit ist im härter werdenden Standortwettbewerb nicht zielführend. Gleichwohl sollte der partnerschaft- liche Umgangston beibehalten werden, der diesen Spätsommer auf den Delegationsreisen bereits anklang. Die Main-Metropole muss endlich erhobenen Hauptes ihr Image der langweiligen Pro- vinzstadt abschütteln, das ihr unberechtigterweise immer noch anhängt. Schließlich hat Frankfurt viel zu bieten, was es gerade auch in der Finanzwelt attraktiv macht. Förderlich für ein erfolgrei- ches Standortmarketing ist im aktuellen Kontext vorwiegend die Betonung des anderen Charakter Frankfurts im Vergleich zu London – verbunden mit einer hohen Lebensqualität (vgl. S. 5). Darüber hinaus ist ein konzertiertes Eintreten aller maßgeblichen Akteure für das deutsche Fi- nanzzentrum wichtig. Letztlich ist ein starker Finanzplatz Frankfurt kein lokales Thema. Insofern sollte sich neben den Vertretern von Stadt, Land, ansässigen Finanzinstituten und Marketingorga- nisationen auch die Bundesregierung für die Interessen des einzig relevanten deutschen Finanz- platzes stark machen. Dabei ist die Bündelung der verschiedenen Kräfte sinnvoll, um fokussiert mit einer Stimme nach außen bzw. nach London zu gehen. Insbesondere ist eine klare und konse- quente Positionierung in zentralen Standortfragen wünschenswert. Denn sonst wird Frankfurt nicht ernsthaft für Institutionen wie die EBA oder den Hauptsitz einer potenziell deutsch-britischen Börse in Erwägung gezogen. Und das obwohl es in beiden Fällen der prädestinierte Standort ist, da die Main-Metropole bereits als Hauptstadt des europäischen Auf- sichtswesens fungiert und die europäische „Superbörse“ – gemäß Marktkapitalisierung der beiden zu fusionierenden Unternehmen – selbstredend hier angesiedelt werden sollte. Von einem ent- schiedenen politischen Eintreten über alle Ebenen hinweg ginge eine deutliche Signalwirkung bezüglich der Bedeutung und des Selbstverständnisses des deutschen Finanzzentrums aus. So würde nicht nur die hiesige Community um neue Akteure bereichert, sondern auch das Ansehen Deutschlands mit einem internationalen Finanzplatz nachhaltig gefördert. Dazu könnte auch eine Willkommenskultur für Banker beitragen. Mit der bereits eingerichteten speziellen Frankfurt-Homepage ist hierfür bereits eine gute Plattform geschaffen worden, die wei- ter ausgebaut und mehr vernetzt werden könnte (vgl. S. 2). Hinsichtlich des wichtigen Themas Finanzaufsicht hieße das, bei den Londoner Instituten mit einer zentralen Anlaufstelle in der Main- Metropole zu werben, die in gewohnt deutscher Verlässlichkeit gesprächsbereit in Englisch ist und ihnen mit transparenten Verfahren zur Seite steht. Lockerungen im Arbeits- und Steuerrecht wur- den bereits von der hessischen Landesregierung ins Gespräch gebracht. Um Frankfurt für wech- selwillige Banken noch interessanter zu gestalten, ist ferner eine Mobilisierung von attraktiven Büroflächen sinnvoll sowie eine Ausweitung von Wohnraum, auch im gehobenen Segment in zent- ralen Lagen. Zudem sollte das Angebot an internationalen Betreuungs- und Bildungseinrichtungen für Kinder in absehbarer Zeit erweitert werden. Durch all dies kann Frankfurts ohnehin bestehende Chance erhöht werden, die bevorzugte Adresse für Umsiedelungen zu werden. Beschäftigungsperspektive für Frankfurt Angesichts der weiterhin großen Unsicherheit über den Ausgang der zweijährigen, wohl im Früh- jahr 2017 beginnenden Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU sind die meis- ten Londoner Finanzinstitute zunächst noch vorsichtig mit konkreten Äußerungen über ihre Um- zugspläne. Dementsprechend sind Ausmaß und Tempo der Jobverlagerungen insgesamt schwer abzuschätzen. Doch lässt sich dieser mehrjährige Umstrukturierungsprozess im europäischen Finanzplatzgefüge unter vorsichtigen Annahmen folgendermaßen skizzieren: Von den rund 400.000 Beschäftigten in der Londoner Finanzindustrie wären bei einem moderaten Verlust von 5 % etwa 20.000 Stellen betroffen. Davon würden im anhaltend schwierigen Umfeld für Banken vermutlich einige ganz wegfallen, womöglich rund 20 %. Bei dieser Basisprognose gemäß unseres Kompromiss-Szenarios (vgl. Seite 3) wären es also in den nächsten Jahren mindestens 16.000 Mitarbeiter, die aus der Londoner City an Alternativstandorte abwandern. Bei restriktiveren Verhandlungsergebnissen (Szenario Konflikt) könnte es allerdings auch deutlich mehr als doppelt Konsequente politische Unterstützung auch von Bundesregierung Vorsichtige Basisprogno- se: mindestens 16.000 gehen weg aus London Willkommenskultur für Banker in Main-Metropole FINANZPLATZ-FOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/RESEARCH · 3. NOVEMBER 2016 · © HE L A B A 8 so viele Jobverschiebungen geben – vorbehaltlich etwaiger Rückverlagerungen aufgrund von Regulierungsarbitrage. Im Übrigen führen die jahrelang unsicheren Rahmenbedingungen in Groß- britannien dazu, dass sich neue Akteure lieber für die Einrichtung von Büros an anderen Finanz- zentren Europas entscheiden. Dies zeichnet sich bereits bei so manchem Unternehmen ab. Auf- grund der noch monatelangen aufsichtsrechtlichen Prüfungen sind die Auswirkungen der avisier- ten deutsch-britischen Börsenfusion bis dato unklar, da viele Details inklusive der arbeitsmarktrele- vanten Sitzfrage weiterhin offen sind. Basisszenario Kompromiss: Geschätzte Jobverlagerungen von der Themse an den Main Prognose der Frankfurter Bankbeschäftigung: Zum Jahresende 2018 wieder auf Niveau von Anfang 2016 Finanzbeschäftigung Anzahl Bankbeschäftige im Stadtgebiet Quelle: Helaba Volkswirtschaft/Research \* statistischer Bruch; Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research Angesichts der herausragenden Positionierung Frankfurts im europäischen Finanzplatzgefüge stehen mit einer angemessen selbstbewussten Vermarktung seiner Standortqualitäten und der Abarbeitung aller anderen „to-dos“ (vgl. S. 6f.) die Chancen gut, dass mindestens die Hälfte der zur Disposition stehenden Finanzjobs in den kommenden Jahren von der Themse an den Main verschoben wird. Dieser Verlagerungsprozess von schätzungsweise mindestens 8.000 Stellen dürfte im Jahresverlauf 2017 langsam in Gang kommen und sich erst 2018 richtig bemerkbar ma- chen, um dann mit Bekanntgabe von Verhandlungsergebnissen weiter Fahrt aufzunehmen. Dem- entsprechend könnten sich bis zum Prognosehorizont Ende 2018 weit mehr als 2.000 Mitarbeiter neu in der Main-Metropole ansiedeln. Dieser Brexit-induzierte Arbeitsmarkteffekt wirkt dem Konso- lidierungstrend in den hiesigen Bankentürmen entgegen. Summa summarum dürften sich diese beiden Effekte innerhalb unseres Prognosehorizontes bis zum Jahresende 2018 wohl mehr oder minder aufheben. Am deutschen Finanzzentrum wäre dann mit einer Bankbeschäftigung auf dem Niveau von gut 62.000 zu rechnen (vgl. Punkt A im Chart). Sollte sich jedoch ausgehend von einigen namhaften Instituten eine gewisse Sogwirkung von der Themse an den Main entfalten oder ein konfliktreicher Ausgang zwischen Großbritannien und der EU abzeichnen, käme es zu umfangreicheren Jobverlagerungen. Bis Ende 2018 wären dann deut- lich mehr als doppelt so viele Zuwanderungen an das deutsche Finanzzentrum denkbar als die im vorsichtigen Basisszenario angesetzte Untergrenze von über 2.000 Stellen (vgl. B). Dieser „Quan- tensprung“ in der Frankfurter Bankbeschäftigung würde den Standort vor erhebliche Herausforde- rungen gerade auch auf dem Wohnimmobilienmarkt stellen. Selbst im Basisszenario werden die Auswirkungen hier deutlich spürbar sein. Gleichwohl sollte Frankfurt seine aus dem Brexit resultie- renden Chancen im europäischen Finanzplatzgefüge nutzen. Let’s go Frankfurt!  Mehrjähriger Prozess: mind. 8.000 Stellen 60.000 62.000 64.000 66.000 60.000 62.000 64.000 66.000 A B Effekte von Brexit und Konsolidierung nivellieren sich in Frankfurt zunächst 2018

Mit zahlreichen Standortqualitäten kann Frankfurt die bevorzugte Adresse für Brexit-bedingte Jobverlagerungen werden. Dies wird der hiesigen Konsolidierung entgegenwirken.
