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title: "Deutscher Einzelhandel: Krise abgehakt? "
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updated: 2026-09-28
keywords: Branchen
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# Deutscher Einzelhandel: Krise abgehakt? 

Helaba Volkswirtschaft/Research BRANCHENFOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHAFT/ RESEARCH · 21. JULI 2020 · © HEL ABA 1 21. Juli 2020 Die Publikation ist mit größter Sorgfalt bearbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegen- wärtigen und zukünftigen Marktverhältnissen. Die An- gaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Voll- ständigkeit oder Aktualität wir aber keine Gewähr überneh- men können. Sämtliche in dieser Publikation getroffe- nen Angaben dienen der In- formation. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfeh- lung für Anlageentscheidun- gen verstanden werden. AUTOR Dr. Stefan Mütze Tel.: 0 69/91 32-38 50 research@helaba.de REDAKTION Dr. Stefan Mitropoulos HERAUSGEBER Dr. Gertrud R. Traud Chefvolkswirt/ Leitung Research Helaba Landesbank Hessen-Thüringen MAIN TOWER Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main Telefon: 0 69/91 32-20 24 Telefax: 0 69/91 32-22 44 Deutscher Einzelhandel: Krise abgehakt? Der deutsche Einzelhandel hat insgesamt den Umsatzeinbruch durch Corona bereits wieder aufgeholt. Der seit längerem laufende Strukturwandel zugunsten des Internethandels setzt sich fort. Profiteur der Krise ist der Lebensmitteleinzelhandel. Teile des stationären Handels leiden. Die Corona-Pandemie hat die Weltwirtschaft, aber auch Deutschland plötzlich in eine Rezession geworfen. Nach einem mäßigen Rückgang bereits im ersten Vierteljahr ist für das zweite Quartal mit einem Einbruch der hiesigen Wirtschaftsleistung zu rechnen. Erst im zweiten Halbjahr kommt es durch die Lockerungen zu einem deutlichen Aufschwung. Trotzdem dürfte das deutsche Brutto- inlandsprodukt 2020 um schätzungsweise 5 % schrumpfen. 2021 ist mit einem Zuwachs in ähnli- cher Größenordnung zu rechnen. Im europäischen Vergleich ist dieser Rückgang unterdurch- schnittlich. Länder wie Frankreich oder Italien sind deutlich stärker betroffen. Vor-Corona-Niveau nur im deutschen Einzelhandel überschritten Realer Einzelhandelsumsatz, Index: Februar 2020 = 100 Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft/Research Deutscher Einzelhandel kommt vergleichsweise gut durch die Krise Der unterschiedlich ausgeprägte Wachstumseinbruch spiegelt sich auch im Einzelhandel wider. Während Frankreich, Spanien und Italien auch im Mai noch weit vom vor Corona erreichten Um- satzniveau entfernt waren, haben sich die deutschen Verbraucher zuletzt wieder spendabel ge- zeigt und der Branche saisonbereinigt im Mai einen höheren Umsatz sowohl gegenüber April 2020 (+13,9 %) als auch gegenüber Mai 2019 (+7,3 %) beschert. Die realen Umsätze der gesamten ersten fünf Monate liegen ebenfalls mit 1,2 % im Plus. Auch wenn noch mit Korrekturen der schwankungsanfälligen Einzelhandelszahlen gerechnet werden muss, ist die bisherige Entwick- lung doch überraschend günstig. Bedeutet das nun, dass die Krise bereits abgehakt ist? Zumindest hat der drastische Umsatz- schwund nur zwei Monate angehalten. Die Lage der Branche ist allerdings differenziert. Der Zu- wachs kommt im Wesentlichen vom Internethandel mit einem Plus von 17,4 % in den ersten fünf Monaten, während der reale Umsatz in Verkaufsräumen kumuliert um 1,2 % gegenüber Vorjahr gesunken ist. Die zeitweise geschlossenen Geschäfte im Non-food-Bereich und die Maskenpflicht dürften zu dieser großen Diskrepanz beigetragen haben. Äußerst unterschiedlich ist weiterhin auch die Situation entsprechend der Produktgruppen. Während Lebensmittel einen Zuwachs von 6,4 % aufweisen, schrumpften die realen Verkäufe von Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren BRANCHENFOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHA FT/RESEARCH · 21. JULI 2020 · © HEL ABA 2 in den ersten fünf Monaten um fast ein Drittel gegenüber dem Vorjahr. Waren- und Kaufhäuser mussten ein Minus von 16,7 % hinnehmen. Lebensmittelgeschäfte blieben in der Corona-Krise durchgehend geöffnet und ihr Absatz profitiert vom aktuell verbreiteten Homeoffice und dem zeit- weisen Schließen der Restaurants. Der Bedarf an Mode ist immer noch geringer als zuvor, auch weil viele Festivitäten in der Gesellschaft zurzeit nicht stattfinden können. Internethandel boomt während Corona Lebensmittelumsätze steigen deutlich Realer Einzelhandelsumsatz, Januar 2017 = 100, saisonbereinigt Realer Einzelhandelsumsatz, Januar 2017 = 100, saisonbereinigt Quellen: Feri, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Feri, Helaba Volkswirtschaft/Research Nach dem jüngsten Umsatzschub, der zum Teil auf Nachholeffekte zurückgeht, dürfte das zweite Halbjahr moderater verlaufen. Zwar entfalten der Kinderbonus und die Senkung der Mehrwert- steuer ihre positive Wirkung ab Juli. Allerdings muss durch die Verschlechterung am Arbeitsmarkt mit negativen Effekten auf das Verbrauchervertrauen gerechnet werden. Die Zahl der Arbeitslosen hat sich bereits seit April um 677.000 erhöht und die tatsächliche Kurzarbeit dürfte um knapp 7 Millionen gestiegen sein. Zudem hat die Corona-Krise die Phase relativ stark steigender Tariflöhne abrupt beendet. Die Bruttolöhne und -gehälter werden ebenso wie die Unternehmens- und Vermö- genseinkommen in diesem Jahr sinken. Einen deutlichen Anstieg hingegen erfahren die monetä- ren Sozialleistungen u.a. durch Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld. Auch sind die Altersbezüge der rund 21 Millionen Rentner im Juli 2020 mit gut 3 ½ % deutlich stärker angehoben worden als die Inflationsrate mit voraussichtlich 0,5 %. In der Summe könnten die verfügbaren Einkommen dieses Jahr leicht zurückgehen. Die zurzeit stark erhöhte Sparquote wird im zweiten Halbjahr auf ein „normales“ Niveau zurückkommen. Im Jahresdurchschnitt dürfte sie trotzdem um fast 4 Prozent- punkte auf etwa 15 % steigen. Aus jetziger Sicht werden die privaten Konsumausgaben mit vo- raussichtlich 5 % genauso stark schrumpfen wie das Bruttoinlandsprodukt. Die Situation im Einzelhandel ist aber deutlich günstiger als bei den gesamten Konsumausgaben. Hierfür sprechen auch strukturelle Gründe. Das weiterhin verbreitete Homeoffice erfordert von den privaten Haushalten mehr eigenständige Verpflegung. Dies kommt dem Lebensmitteleinzelhandel, der am gesamten Umsatz fast 38 % ausmacht, zugute. Viele Dienstleistungen im Bereich Freizeit, Unterhaltung, Kultur und Beherbergung inklusive Gaststätten werden immer noch nur mit Ein- schränkungen angeboten bzw. von den Verbrauchern weniger frequentiert. Die frei werdenden finanziellen Mittel dürften zumindest teilweise in den Konsum von Einzelhandelsgütern fließen. Auch aufgrund der bereits erfolgten schnellen Erholung wird der deutsche Einzelhandel 2020 vo- raussichtlich einen stagnierenden Umsatz erreichen. Mehr Insolvenzen und anhaltender Strukturwandel Trotz der verhältnismäßig positiven Entwicklung bleibt das Insolvenzrisiko im Einzelhandel nicht unbeträchtlich. Eine aktuelle Umfrage des ifo Instituts ergab, dass sich etwa jedes fünfte Unter- nehmen der Branche als existenzgefährdet einschätzt. Dies entspricht dem Durchschnittswert für die gesamte deutsche Wirtschaft. Allerdings sollte bei diesen ernüchternden Zahlen berücksichtigt werden, dass sich die Rahmenbedingungen ab Juli 2020 deutlich verbessern. Sowohl die Senkung der Mehrwertsteuer als auch der beschlossene Kinderbonus werden dem deutschen Einzelhandel zugutekommen. Positiv auf das weitere Insolvenzgeschehen dürften sich zudem die von der Bun- 90 100 110 120 130 140 150 90 100 110 120 130 140 150 2017 2018 2019 2020 Internethandel Handel in Verkaufsräumen 94 98 102 106 110 114 118 94 98 102 106 110 114 118 2017 2018 2019 2020 Einzelhandel insgesamt Lebensmitteleinzelhandel 2020: Trotz Corona Umsatzstagnation BRANCHENFOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHA FT/RESEARCH · 21. JULI 2020 · © HEL ABA 3 desregierung beschlossenen Überbrückungshilfen für Unternehmen sowie die Liquiditätshilfen der KfW auswirken. Der Strukturwandel, der den Internethandel begünstigt, war auch vor Corona schon zu beobach- ten. Hierauf muss der stationäre Handel reagieren. Durch die hohen Umsatzzuwächse im Online- handel sinken in einigen Sparten die Offline-Verkäufe. Bei Mode, Konsumelektronik, Wohnen und Freizeit kannibalisiert der Onlinehandel zunehmend den stationären Handel.1 Die Branche befindet sich durch die Digitalisierung in einem massiven Strukturwandel. Häufig werden die Produkte so- wohl online als auch stationär angeboten. Das bedeutet, dass beide Vertriebsarten miteinander vernetzt sein müssen. Der Kunde informiert sich im Laden und bestellt online oder auch umge- kehrt. Dies bietet auch den stationären Händlern die Chance, vom rasch wachsenden Onlinehan- del zu profitieren. Unternehmen reagieren mit steigender Flächenproduktivität auf Margendruck Die Ertragslage des Einzelhandels ist heterogen, was eine generelle Beurteilung erschwert. Ge- messen an der Umsatzrentabilität stehen beispielsweise die Apotheken trotz gesetzlicher Eingriffe besser da als die Lebensmittelsparte. Bei Letzterer ist die Rendite sogar niedriger als im gesamten Einzelhandel. Überdurchschnittlich verdienten hingegen die Einzelhändler mit Bekleidung sowie mit Schmuck. Tariflöhne steigen bislang stärker als Verkaufspreise Schub bei der Flächenproduktivität Quartalswerte, % gg. Vj. Einzelhandel, Index: 2000 = 100 Quellen: Feri, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Feri, HDE, Helaba Volkswirtschaft/Research Der Preisdruck im stationären Handel ist durch die höhere Transparenz aufgrund des Online- Vertriebs gestiegen. Da im Online-Geschäft viele Kosten des klassischen Handels, wie Mieten, Personal und Verkaufsflächengestaltung nicht oder zumindest im geringeren Ausmaß anfallen, besitzt diese Vertriebsform Vorteile. Angesichts der bereits vorgenommenen Rationalisierungen kann der Personalbestand zudem nur noch wenig verringert werden. Die Folge sind Schließungen von klassischen Handelsgeschäften auch in Innenstadtlagen. Zudem hat der Abwärtsdruck auf die Einzelhandels-Mieten zuletzt deutlich zugenommen. Die Ertragslage wurde in den letzten Jahren zusätzlich belastet, weil die Tariflöhne zumeist erheb- lich stärker als die Verkaufspreise erhöht worden sind. Nach der Corona-Krise dürften die Tarifab- schlüsse moderater ausfallen und so den Kostendruck etwas verringern. Auch die Steigerung der Flächenproduktivität dämpft diesen. Zuletzt haben die Händler ihre Verkaufsflächen kaum noch erhöht, während die Umsätze vor Corona deutlich zulegten. Deutschland hat im Vergleich zu ande- ren großen europäischen Staaten immer noch hohe Verkaufsflächen pro Kopf. Um diesen Abstand zu verringern, wird Bestehendes optimiert sowie unprofitables Geschäft aufgegeben. Hier dürfte sich der an Bedeutung gewinnende Internethandel auswirken. 1 Vgl. HDE Handelsverband Deutschland, Handel digital Online-Monitor 2019, S. 3 und 15, www.einzelhandel.de/online-monitor -1 0 1 2 3 4 5 -1 0 1 2 3 4 5 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 Monatliche Tarifverdienste Verkaufspreise 90 95 100 105 110 115 120 125 130 90 95 100 105 110 115 120 125 130 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 Verkaufsflächen nominaler Umsatz Flächenproduktivität Größerer Preisdruck im stationären Handel BRANCHENFOKUS HELABA VOLKSWIRTSCHA FT/RESEARCH · 21. JULI 2020 · © HEL ABA 4 Mittelfristig Chancen für den Einzelhandel Trotz der Corona-Krise bestehen gute Chancen, dass die Branche auch in den nächsten Jahren von einer wieder lebhafteren deutschen Konsumkonjunktur profitiert. Deutschland dürfte weiterhin eine nennenswerte Zuwanderung erfahren. Die Bevölkerung wird mindestens bis Mitte der 20er Jahre zunehmen. Die Neubürger konzentrieren sich zuerst auf Einzelhandelsgüter statt auf Dienst- leistungen. Nach der momentanen konjunkturellen Delle sollten sich die Einkommen der privaten Haushalte wieder erholen. Die Händler müssen allerdings wichtige Trends wie die steigende Nachfrage nach Bio- Lebensmitteln und veganer Ernährung sowie „Fair-Trade-Produkten“ aufgreifen. Die wichtigste Herausforderung bleibt jedoch der Onlinehandel. Dieser wird weiterhin Marktanteile gewinnen, die stationären Geschäfte aber nicht gänzlich ersetzen. Die Kunden nutzen je nach Produkt oder Dienstleistung den für sie vorteilhaftesten Kanal bzw. kombinieren verschiedene Angebote.  Trends aufnehmen und Strukturwandel gestalten

Auswirkungen der Pandemie auf den deutschen Einzelhandel. Strukturelle Probleme der Branche. Krise wird bewältigt.
