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title: "Im Fokus Großbritannien: Zehn Jahre Brexit-Votum"
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updated: 2026-10-09
keywords: Länder & Regionen, Länderfokus
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# Im Fokus Großbritannien: Zehn Jahre Brexit-Votum

Im Fokus: Länder 24. Juni 2026 © Helaba | Research | 24. Juni 2026 1 von 5 Helaba Research Großbritannien: Zehn Jahre Brexit-Votum Zehn Jahre nach dem Brexit Votum zeigt sich, dass die schlimmsten Prognosen nicht eingetre- ten sind. Dennoch litt die britische Wirtschaft unter den erschwerten Handels- und Reisebedin- gungen mit der Eurozone. Am 23. Juni 2016 entschied das britische Volk in einem knappen Votum und entgegen allen Wahlprognosen, die EU zu verlassen. Zehn Jahre nach dem Votum und mehr als fünf Jahre nach dessen Vollzug lässt sich eine gemischte Bilanz ziehen. Die ökonomischen Konsequen- zen sind zu spüren, auch wenn sie schwächer ausfielen als im Vorfeld befürchtet wurde. Die Befürworter des Brexits bauten ihre Kampagne zum einen auf Argumente der nationa- len Souveränität. In den Augen vieler Briten reguliert die EU zu viel und mischt sich in Berei- che der Politik und des Lebens ein, in denen sie nichts zu suchen hat.1 Ein zweites wichtiges Argument war Migration. Dabei ging es weniger um die Fluchtmigration, die in Großbritan- nien in der Flüchtlingswelle ab 2015 weniger ausgeprägt war als im Festlandeuropa. Es ging vor allem um die Arbeitsmigration aus der EU. Die Gegner des Brexits, bzw. die Befürworter für einen Verbleib, stützten ihre Argumente eher auf ökonomische Effekte. Die EU ist der größte Handelspartner Großbritanniens und die Freihandelszone erleichtert den Warenver- kehr und andere Geschäftsbeziehungen. Bei einem Austritt aus der EU drohten Zölle und kompliziertere Bestim- mungen im Handel mit den EU-Ländern. Außerdem hielten viele Brexit-Gegner den Finanzstandort London für ge- fährdet, wenn man nicht mehr Teil der Union ist. Die Sorge war, dass Banken ein Teil ihres Geschäfts in die EU ver- lagern, um den Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Insbesondere Frankfurt galt als Konkurrent. Der langwierige Prozess des Brexits (siehe Schaubild) wurde de jure am 31.1.2020 umgesetzt und endete vorläu- fig am 1.1.2021, als die Übergangsphase endete und der Brexit mit all seinen Auswirkungen in Kraft trat. 1 Zum Beispiel Toaster: Das Europäische Parlament beriet zeitweise über eine strengere Regulierung der Geräte – daraus wurde das Narrativ gesponnen, dass den Briten der Toaster weggenommen würde. Samuel Will Devisenstratege T 069/91 32-74 88 Langwieriger Austrittsprozess aus der EU Quelle: Helaba Research 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 29.03.2017: Start des formellen Austrittsprozesses 31. 01.2020: Austrittsabkommen tritt in Kraft, Großbritannien ist kein Mitgliedstaat mehr 29.03.2019: Ursprünglich geplanter Austritt 01.01.2021: Ende der Übergangsphase, „Brexit Day“ 23.06.2016: Referendum 52% für Austritt 2023: Windsor-Abkommen: Gewährt Nordirland Zugang zum EU-Binnenmarkt Im Fokus: Länder – Großbritannien © Helaba | Research | 24. Juni 2026 2 von 5 Zu diesem Termin wurden Zollformalitäten eingeführt und Finanzdienstleister verloren den „Europäischen Pass“, der ihnen Zugang zum europäischen Markt gewährte. Im Nachhinein wurde noch über die Grenze zwischen Nordir- land und Irland verhandelt. Seit dem Brexit wächst die britische Wirtschaft langsamer Die meisten Prognosen von Ökonomen zur Zeit vor dem Brexit erwiesen sich als zu pessimistisch: Weder Massen- arbeitslosigkeit noch eine Rezession traten ein – wenn man von den Lockdown Effekten während der Pandemie absieht. Dennoch hatte der Austritt aus dem Freihandelsabkommen unterm Strich negative ökonomische Effekte. Er hat die britische Volkswirtschaft strukturell geschwächt. Handelsbarrieren und ein erschwerter Arbeitsmarkt- zugang hatten eine geringere Produktivität und negative Wachstumseffekte zur Folge. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Produktivität wären heute wohl 3-4 % höher, hätte es den Brexit nie gegeben. Das BIP-Wachstum blieb im europäischen Vergleich zwar durchschnittlich (siehe Schaubild). Immerhin 14 % konnte das britische BIP vom dem ersten Quartal 2016 bis zum ersten Quartal 2026 real wachsen. Das war fast ausschließlich dem Service-Sektor zu verdanken. Mit 80 % der Wirtschaftsleistung macht er mit Abstand den größten Anteil im Vereinigten Königreich aus (EU: rund 70 %). Zwar ist auch dieser vom Brexit – zum Beispiel durch den schwierigeren Marktzugang für Finanzdienstleistungen – betroffen, deutlich stärker leidet jedoch der produzierende Sektor. Da der auf Warentausch angewiesen ist und somit deutlich stärker von dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt beeinträchtigt wird, entwickelt er sich schwächer. Der Anteil der EU als Handels- partner nahm daher im Zeitverlauf auch ab, haupt- sächlich zu Gunsten asiatischer Länder. Die insgesamt stabile wirtschaftliche Entwicklung ist daher auf den weniger stark betroffenen Dienstleis- tungssektor zurückzuführen. Da sich dieser Trend auch in anderen europäischen Volkswirtschaften zeigt, wäre die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens vermutlich schwächer ausgefallen, wenn die Industrie eine größere Rolle spielen würde. Auch das Britische Pfund wurde durch den Brexit in Mitleidenschaft gezogen. Es wertete infolge des Vo- tums stark und abrupt ab. Einerseits wirkte sich die höhere Unsicherheit auf das Pfund aus, andererseits belasteten realwirtschaftliche Effekte, die vorweggenommen wurden. Der Devisenmarkt bestrafte damit Investitionsrückgänge, eine relativ schwächere wirtschaftliche Entwick- lung sowie die sich verschlechternde Leistungsbilanz. Davon konnte sich die britische Währung auch in den fol- genden Jahren nicht richtig erholen. Steigende Zinsdifferenzen von Großbritannien gegenüber dem Euroraum Lediglich der Service-Sektor wächst Wirtschaftswachstum blieb durchschnittlich\* Index, Q1 2026 = 100 Index, 01.01.2016 = 100 Quellen: Macrobond, Helaba Research \* nach Wachstum geordnet: Spanien, Niederlande, Frankreich, Italien, Deutschland Quellen: Macrobond, Helaba Research Anteil der Exporte in die EU rückläufig % der Gesamtexporte Großbritanniens Quellen: Macrobond, Helaba Research 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 2026 EU China USA sonstige Länder Im Fokus: Länder – Großbritannien © Helaba | Research | 24. Juni 2026 3 von 5 erklären die leichte Aufholbewegung, die seit 2020 stattfand. Die Abwertung des Pfunds macht sich auch in der Inflation bemerkbar, die seitdem strukturell höher liegt. Die ausländischen Direktinvestitionen in Großbritannien haben sich seit dem Brexit-Votum deutlich schwächer entwickelt als vor 2016. Insbesondere die Unsicherheit während der Austrittsverhandlungen sowie der Verlust des uneingeschränkten Zugangs zum EU-Binnenmarkt führten dazu, dass internationale Unternehmen Investitions- entscheidungen verschoben oder alternative Standorte innerhalb der EU bevorzugten. Verwerfungen am Arbeitsmarkt Der Wegfall der EU-Freizügigkeit führte dazu, dass die Zahl der EU-Immigranten in Großbritannien stark zurück- ging. Der Effekt setzte direkt mit dem Referendum ein und verstärkte sich soweit, dass die Netto-Immigration von EU-Bürgern sogar negativ wurde. Was ein durchaus gewünschter Effekt der Brexit-Befürworter war, führte aller- dings in Verbindung mit den wirtschaftlichen Verwer- fungen der Covid-19 Pandemie dazu, dass es nicht genügend Arbeitskräfte gab. Die Zahl der offenen Stellen stieg stark. Dies war zwar auch in anderen Staaten zu beobachten, allerdings war das Ausmaß des Fachkräftemangels in Großbritannien besonders ausgeprägt. Um den Wegfall von Arbeitskräften zu kompensieren, lockerte man in Großbritannien die Visabedingungen für Studenten und Arbeiter. Dies führte zu stark stei- genden Migrationszahlen, insbesondere aus ehemali- gen Commonwealth Ländern wie Indien. Und auch dazu gab es eine Gegenreaktion: die Regeln wurden 2023 erneut verschärft und die Migrationszahlen gin- gen wieder zurück (vgl. Chart S. 4). Insgesamt hat der Finanzplatz London unseren Berechnungen zufolge allein an Frankfurt etwa 3.500 Bankbe- schäftigte verloren.2 Dazu kommen noch zahlreiche Arbeitsplätze, die an andere Finanzplätze wie Paris oder Dub- lin verlegt wurden sowie von der Finanzbranche abhängige Arbeitsplätze, etwa Gastronomen und unternehmens- nahe Dienstleistungen wie Beratungen. Dass vermehrt Banker abgewandert sind, zeigt sich auch in der Einkom- mensentwicklung in Großbritannien. Gutverdiener konnten hier in den letzten Jahren deutlich geringere Ge- haltssprünge verzeichnen als Geringverdiener. 2 Mehr dazu in unserem Beitrag „Finanzplatz Frankfurt als Brexit-Profiteur“ im Wochenausblick vom 19.06.2026 Brexit zog Arbeitskräftemangel nach sich % Mio. Quellen: Macrobond, Helaba Research Das Pfund hat sich immer noch nicht erholt Auslandsinvestitionen sind stark rückläufig Index Mrd. Pfund Quellen: Macrobond, Helaba Research Quellen: Macrobond, Helaba Research Im Fokus: Länder – Großbritannien © Helaba | Research | 24. Juni 2026 4 von 5 Immerhin ist die Gesetzgebung wieder in London Ein wichtiges Ziel haben die Brexit-Befürworter erzielt. Sie haben die Gesetzgebung wieder in den West- minster Palast geholt. Das wird zwar von vielen briti- schen Politikern als Erfolg gesehen, kann aber kein Argument an sich sein. Wichtiger ist, was mit der natio- nalen Gesetzgebung erreicht werden kann und ob das britischen Bürgern, oder konkreter der dortigen Wirt- schaft und Sicherheit nutzt. Durch die nationale Gesetzgebung und dem Wegfall von EU-Richtlinien erhoffte man sich weniger Bürokra- tie. Tatsächlich hat der EU-Austritt die Bürokratie in Großbritannien aber wohl nicht reduziert, wie der Bü- rokratiekostenindex vom Fraser Institute zeigt (siehe Schaubild). Im Gegenteil: Seit dem Austritt 2020 stieg die Bürokratiebelastung in Großbritannien überdurch- schnittlich. Dazu dürfte vor allem die zusätzliche Regulierung des Handels mit der EU beigetragen haben. Die politische Lage hat sich seit dem Referendum ebenfalls nicht verbessert. Mit Starmer tritt in diesem Jahr schon der siebte Premierminister innerhalb von zehn Jahren zurück – trotz der starken Labour-Mehr- heit im Parlament. Die Rechtskonservative Reform UK führt in den Stimmungsumfragen und wichtige politi- sche Reformen wie die des nationalen Gesundheits- systems stehen seit Jahren aus. Es hat der Politik also wenig geholfen, die „Macht“ zurück auf die Insel zu holen. Und was kommt jetzt? Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum fällt die wirtschaft- liche Bilanz Großbritanniens nüchtern aus: Der be- fürchtete kurzfristige Einbruch blieb zwar aus, doch die langfristigen strukturellen Kosten sind sichtbar. Insbesondere eine geringere Handelsintensität, schwächere Investitionen und ein eingeschränkter Arbeitsmarkt belasten das Wachstumspotenzial. Zumindest zeigt sich die britische Wirtschaft dank ihres starken Dienstleistungssektors widerstandsfähig. Für die kommenden Jahre dürfte entscheidend sein, inwieweit es gelingt, durch wirtschaftspolitische Maßnahmen – etwa zur Stärkung der Produktivität und zur Förderung von Investitionen – die Brexit-bedingten Nachteile zu kompensieren. Eine Rückkehr in den EU-Binnenmarkt erscheint politisch unwahrscheinlich, sodass Großbritan- nien seinen eigenständigen Wachstumspfad weiterentwickeln muss. Der kommende Premierminister kann die Ärmel schon mal hochkrempeln. Bürokratiekosten seit dem Austritt gestiegen Fraser Institute Bürokratiekosten (Skala 0-10) Quellen: Fraser Institute, Helaba Research Mehr Einwanderer als vor dem Brexit Tausend Quellen: Macrobond, Helaba Research -200 0 200 400 600 800 1.000 1.200 2016 2018 2020 2022 2024 Gesamt Nicht-EU EU britische Staatsangehörigkeit Im Fokus: Länder – Großbritannien © Helaba | Research | 24. Juni 2026 5 von 5 Herausgeber und Redaktion Helaba Research Redaktion: Dr. Stefan Mitropoulos Verantwortlich: Dr. Gertrud Rosa Traud Chefvolkswirtin / Head of Research Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main Tel. 069/91 32-20 24 Internet: http://www.helaba.de Disclaimer Die Publikation ist mit größter Sorgfalt bearbeitet worden. 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Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum zeigt sich, dass die schlimmsten Prognosen nicht eingetreten sind. Dennoch litt die britische Wirtschaft unter den erschwerten Handels- und Reisebedingungen mit der Eurozone. Vor allem das produzierende Gewerbe litt und Auslandsinvestitionen gingen zurück.
