#Story
#Digitalisierung
#Investoren

„Wir wollen einen echten Marktplatz“    

Der digitale Schuld­schein 

Im Interview erklärt Andreas Petrie, Leiter Corporate/Capital Markets bei der Helaba, welche Vorteile die Digitali­sierung des Finan­zierungs­instru­ments Schuld­schein für Investoren, Emittenten und die Helaba als Arrangeur hat.

Interview mit Andreas Petrie

Herr Petrie, was genau ist ein Schuldschein?
Ein Schuldschein ist ein übertrag­bares Darlehen. Bis in die Mitte der 1990er Jahre war der angel­sächsische Konsortial­kredit, bei dem mehrere Banken einem Kunden einen Kredit gewähren, das absolut dominante Instrument in der Unter­nehmens­finan­zierung. Die Nachteile lagen jedoch in seiner Komplexität durch die Verwendung angel­sächsischen Rechts und der englischen Sprache. Deswegen haben wir ein leichter verständliches Regelwerk gestrickt, das auf dem Bürger­lichen Gesetzbuch und dem Handels­gesetz­buch fußt. Dazu haben wir damals eine Standard­dokumen­tation entwickelt, die kürzlich durch die LMA (Loan Market Association) auf eine breite internationale Basis gestellt wurde. So ist der Unter­nehmens­schuld­schein entstanden, der viel einfacher und übersicht­licher zu handhaben ist.

Und warum ist er so interessant für Emittenten, Investoren und die Banken als Arrangeure?
Seine Historie hat der Schuldschein eigentlich bei der Refinan­zierung im kom­munalen und im Bankensektor. Als in der Finanz­krise aber viele Investoren eine Anlage außerhalb dieser Kredit­nehmer­gruppen suchten, hat er schließlich einen großen Sprung nach vorne gemacht. Mit gutem Grund, denn er birgt viele Vorteile: eine sehr vereinfachte Dokumen­tation, vorteilhafte Bilan­zierungs­regeln, gleichzeitig wird er immer internationaler – mittlerweile kommt die Hälfte der Investoren aus dem Ausland. Er eignet sich auch gut für Sparkassen als Anlage­instru­ment, um ihr oft sehr lokales Kreditportfolio zu diversifizieren. Das Markt­volumen im Unter­nehmens­geschäft lag vor der Finanzkrise bei 3,4 Mrd. Euro und ist auf bis zu 27 Mrd. Euro im vergangenen Jahr explodiert. An 40 der rund 160 Deals 2018 war die Helaba beteiligt. 

Nun haben Sie das sowieso schon standardisierte Produkt digitalisiert. Was war das Ziel?
Mit Blick auf unsere Kunden wollten wir den Schuldschein noch einfacher, trans­parenter und günstiger gestalten. Deswegen bilden wir den arbeits­intensiven Produktions- und Vertriebs­prozess jetzt komplett auf einer digitalen Plattform ab – von den ersten Diskussionen zu Timing und Größenordnung über Laufzeiten und Konditionen, die Anfragen der Bank an die Investoren, den Versand von Bilanzen und Ratings bis hin zur Bündelung der Rückfragen in einem Datenraum. Auch Orderbuch und Allokation, also die Entscheidung, welche Laufzeiten zu welchem Preis ausgewählt werden, werden hier abgebildet. Weil sämtliche Vorgänge über eine Plattform laufen, gibt es zudem keine Medienbrüche mehr, die aufwändig und häufig auch Fehler­quellen sind. Informationen kommen nicht mehr per E-Mail, Telefonanruf oder Brief, sondern werden komplett digital abgewickelt.

Sie haben sich dabei für die Plattform des FinTechs vc trade entschieden. Warum?
Es gibt mehrere Schuld­schein­platt­formen, meist entwickelt von Banken, die diese für ihre eigenen Trans­aktionen nutzen. Darauf haben wir bewusst verzichtet. Wir sind der Überzeugung, dass sich eine unabhängige Plattform durchsetzen sollte, auf der sich alle Banken, Emittenten und Investoren verknüpfen. Die Helaba sieht sich zudem nicht nur in der Rolle des Arrangeurs eines Schuldscheins, sondern auch als Investor. Das würden wir auf der Plattform eines anderen Geldinstituts nicht wollen. Wir wollen einen echten Marktplatz.

Wie wird die Zukunft des digitalen Schuldscheins aussehen?
Wir sehen jetzt schon, wie gut das Konzept läuft. Auf vc trade sind mittlerweile sieben Arrangeure und mehr als 300 Investoren unterwegs, die bei bisher über 25 Transaktionen rund 3,1 Mrd. Euro bewegt haben. Und es ist weiterhin viel in Bewegung, auch auf der technologischen Seite. Wir werden kurzfristig digitale Unterschriften und mittelfristig auch „Smart Contracts“ nutzen. Diese sind eine wichtige Grundlage, um bei der Abwicklung der Transaktionen Blockchain-Lösungen einzusetzen. Außerdem sollen weitere korres­pondierende Finanz­produkte auf der Plattform angeboten werden.

„Mit Blick auf unsere Kunden wollten wir den Schuldschein noch einfacher, transparenter und günstiger gestalten. Deswegen bilden wir den arbeitsintensiven Produktions- und Vertriebs­prozess jetzt komplett auf einer digitalen Plattform ab“

Andreas Petrie,
Leiter Corporate/Capital Markets bei der Helaba

Andreas Petrie, Leiter Corporate/Capital Markets
Andreas Petrie, Leiter Corporate/Capital Markets

Kapital­märkte

Den Bereich Kapital­märkte kennenlernen

Weitere Storys

Um unsere Website fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Wenn Sie Ihren Besuch fortsetzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen finden Sie unter Datenschutz