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title: "Im Fokus Brasilien: Wahl mit offenem Ausgang"
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updated: 2026-10-09
keywords: Länder & Regionen, Länderfokus
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# Im Fokus Brasilien: Wahl mit offenem Ausgang

© Helaba | Research | 1. Oktober 2026 1 von 4 Im Fokus: Länder 1. Oktober 2026 Helaba Research Brasilien: Wahl mit offenem Ausgang Brasilien steht vor einer richtungsweisenden Wahl, doch Affären verdrängen die politische Sach- debatte. Die Wirtschaft bleibt robust, während hohe Realzinsen, fragile Staatsfinanzen und das Wetterphänomen El Niño den Ausblick belasten. Zugleich eröffnen das EU-Mercosur-Abkommen, die stei- gende Nachfrage nach kritischen Mineralien und wachsende Ölexporte neue Chancen. Für die Märkte wird entscheidend sein, ob die nächste Regierung einen glaubwürdigen Konsolidierungspfad einschlägt. Am 4. Oktober wählt Brasilien den Präsidenten, den Kongress, die Gouverneure und die Parlamente der Bundesstaaten. Trotz 13 Bewerbern konzentriert sich der Präsidentschafts- wahlkampf auf den linksgerichteten Amtsinhaber Lula und Flávio Bolsonaro, den rechtsge- richteten Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Da voraussichtlich keiner der Kan- didaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht, ist eine Stichwahl am 25. Ok- tober wahrscheinlich. Politische Programme geraten dabei zunehmend in den Hintergrund. Flávio Bolsonaro profitierte zunächst von der Mobilisierungskraft seines Vaters. Dieser wurde nach dem gescheiterten Versuch, das Wahlergebnis von 2022 zu kippen, zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt. Inzwischen belasten Flávio Bolsonaro jedoch ein Familienstreit mit seiner Stiefmutter sowie seine Kontakte zu Daniel Vorcaro. Der frühere Chef der Banco Master steht im Zentrum von Ermittlungen wegen mutmaßlich umfangreicher Betrugsfälle. Trotz anfänglicher Dementis soll Flávio Bolsonaro Vorcaro um fi- nanzielle Unterstützung für einen Film über seinen Vater Jair Bolsonaro gebeten haben. Auch Lula bleibt angreifbar. Gegen seinen Sohn laufen po- lizeiliche Ermittlungen. Zu- sätzliche Angriffsfläche bietet der Fall Alexandre de Moraes. Der Richter am Obersten Bun- desgericht, dem Supremo Tri- bunal Federal, leitete das Ver- fahren gegen Jair Bolsonaro und wird von dessen Anhä- ngern dem Lula-Lager zuge- rechnet. Nun steht ein hoch dotierter Beratungsvertrag zwischen seiner Ehefrau und der Banco Master in der Kritik. Die Affären vertiefen die Polarisierung und überlagern die Debatte über Wirtschaft und Sicherheit. Der Wahlkampf erinnert mitunter eher an eine Telenovela als an einen programmatischen politischen Wettbewerb. Ein Kurswech- sel zur Mitte erscheint ebenso unwahrscheinlich wie eine Präsidentschaft ohne Korruptionsvorwürfe. Für die Märkte ist entscheidend, ob der Wahlausgang Aussicht auf mehr fiskalische Glaubwürdigkeit bietet und die politi- sche Unsicherheit verringert. Lucas Rauschkolb Länderrating/-analyse T 069 / 91 32 - 39 47 Kopf-an-Kopf-Rennen Siegeswahrscheinlichkeiten gemäß Wettquoten, % Quellen: Polymarket, Macrobond, Helaba Research © Helaba | Research | 1. Oktober 2026 2 von 4 Im Fokus: Länder Der Fiskalpfad entscheidet Damit rückt die ökonomische Kernfrage in den Vordergrund: Wie viel Wachstum trägt Brasilien, wenn Geld- und Fiskalpolitik in unterschiedliche Richtungen wirken? Die Wirtschaft bleibt robust, verliert jedoch an Dynamik. Nach dem starken Jahr 2024 dürfte sich die Expansion in den Jahren 2026 und 2027 abschwächen. Hohe Finanzierungskosten dämpfen Konsum und Investitionen, während der robuste Arbeitsmarkt den Dienstleistungssektor und privaten Verbrauch stützt. Als Nettoenergieexporteur profitiert Brasilien von höheren Ölpreisen und verbesserten Terms of Trade. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise begren- zen jedoch den Spielraum für weitere Zinssenkungen. Die Zentralbank lockert ihre Geldpolitik seit März, bleibt aber vorsichtig. Nach fünf Zinsschritten liegt der Selic bei 13,75 % und damit weiterhin klar im restriktiven Bereich. Die Realzinsen zählen zu den höchsten weltweit. Zusätzlicher Preisdruck könnte vom Irankrieg und einem starken El Niño1 ausgehen. Beide Faktoren bergen zugleich Konjunkturrisiken. Das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem bleibt die Fiskalpolitik. Die Defizite sind hoch, die Schuldenquote steigt, und das neue Regelwerk überzeugt kaum. Seit Lulas Amtsantritt hat sich der Primärüberschuss in ein Defizit ver- wandelt. Ausnahmen, Einmalausgaben und Wahljahresimpulse erschweren eine verlässliche Konsolidierung. Bis- lang spiegeln die Märkte diese Risiken nur begrenzt wider. Risikoprämien und der brasilianische Real blieben im Wahlumfeld stabil. Gegenüber dem US-Dollar wertete die Währung seit Jahresbeginn sogar auf. Dies ist jedoch kein Freibrief. Nur ein glaubwürdiger Fiskalpfad sichert das konstruktive Marktbild dauerhaft und schafft Raum für weitere Zinssenkungen. Druck aus Washington Zu den binnenwirtschaftlichen Herausforderungen kommen außenpolitische Spannungen. Das Verhältnis zu den USA ist von Handels- und Sicherheitskonflikten geprägt. Nach den Strafzöllen von 2025 belegte Washington brasi- lianische Exporte im Juli 2026 mit weiteren Zöllen von bis zu 37,5 %. Umfangreiche Ausnahmen dämpfen zwar den unmittelbaren Konjunktureffekt, nicht aber die politische Brisanz. In Brasília gelten die Zölle als Druckmittel der Trump-Administration, zumal die Bolsonaro-Familie enge Verbindungen nach Washington unterhält. Zusätzliche Brisanz entsteht durch die US-Einstufung von PCC und CV2 als ausländische Terrororganisationen. Flávio Bolsonaro unterstützt diesen Kurs als Zeichen einer harten Sicherheitspolitik. Lula warnt dagegen vor einer Einmischung der USA in nationale Belange. Neben operativen Risiken drohen damit Belastungen durch Sanktio- nen, Compliance-Vorgaben und Reputationsfragen. Dies könnte Investitionen erschweren. Europa rückt näher Der Druck aus Washington beschleunigt Brasiliens Suche nach breiteren Handels- und Investitionsbeziehungen. Ein wichtiger Baustein ist das seit Mai vorläufig angewendete EU-Mercosur-Abkommen. Es verbessert den Markt- zugang für brasilianische Agrarprodukte und erleichtert europäischen Industrie- und Technologieanbietern den Eintritt nach Südamerika. Deutschland ist bereits stark positioniert. 2025 war es nach China und den USA Brasili- ens drittgrößtes Herkunftsland für Importe. 1 El Niño bezeichnet eine periodische Erwärmung des Pazifiks, die weltweit Wetterextreme begünstigen kann. 2 Primeiro Comando da Capital und Comando Vermelho. Weiterhin hoher Realzins Leitzins SELIC, Inflationsrate, % Quellen: Macrobond, Helaba Research 2024 2025 2026p 2027p BIP, real % gg. Vj. 3,0 2,6 2,0 2,0 Inflationsrate % gg. Vj. 4,8 4,3 4,6 4,3 Arbeitslosenquote % 6,9 6,0 5,7 6,3 Budgetsaldo % des BIP -6,3 -7,3 -7,3 -7,3 Quellen: EIU, Helaba Research © Helaba | Research | 1. Oktober 2026 3 von 4 Im Fokus: Länder Besonders groß ist das Potenzial bei kritischen Mineralien. Brasilien verfügt nach China über die zweitgrößten bekannten Reserven an Seltenen Erden sowie über bedeutende Vorkommen von Nickel und Graphit. Engpässe bestehen vor allem bei Infrastruktur, Kapital und technischer Kompetenz. Hier bieten sich internationale Koopera- tionen an. Geplante Transaktionen wie die Übernahme von Serra Verde unterstreichen den zunehmenden Stellen- wert des Landes in strategischen Lieferketten. Tiefseeöl treibt das Wachstum Parallel dazu hat sich Brasilien zu einem der weltweit wichtigsten Tiefseeölproduzenten entwickelt. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Rohölförderung mit 4,3 Mio. Barrel pro Tag einen Rekordwert. Seit der Jahrtausend- wende hat sich die Produktion nahezu vervierfacht. Rund 3/4 stammen aus ergiebigen Pré-Salt-Feldern, die trotz technischer Herausforderungen hohe Förderraten zu vergleichsweise niedrigen Kosten ermöglichen. Der teilstaat- liche Konzern Petrobras dominiert den Markt mit einem Anteil von rund 90 % an der nationalen Ölproduktion. Entscheidend für den Produkti- onsanstieg ist der Ausbau der Tiefseevorkommen. Bis etwa 2010 kamen die Zuwächse über- wiegend aus Post-Salt-Feldern. Seither tragen vor allem Pré- Salt-Projekte die Expansion. Rohöl ist damit zu einem wichti- gen Pfeiler der Exportbasis ge- worden. Mehr Förderung und höhere Weltmarktpreise ver- bessern die Terms of Trade und stärken Ausfuhr und Staatsein- nahmen. Der Irankrieg verstärkt diesen Effekt. Zugleich gewin- nen asiatische Absatzmärkte an Bedeutung. Der Energiesektor weist zugleich einen hohen Anteil erneuerbarer Quellen auf. Die Stromversorgung basiert überwiegend auf Wasserkraft, ergänzt durch wachsende Wind- und Solarkapazitäten. Im Verkehr spielen Biokraft- stoffe eine wichtige Rolle. Das Infrastrukturprogramm PAC sowie Fördermaßnahmen für grüne Mobilität und Bio- energie sollen den Ausbau weiter vorantreiben. Deutsche Ware bereits stark gefragt China ist wichtigster Handelspartner Verteilung der bras. Importe nach Herkunftsland, Stand 2025 Verteilung der bras. Exporte nach Bestimmungsland, Stand 2025 \*Mercosurmitgliedsländer: Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay &amp; Bolivien Quellen: Macrobond, Helaba Research \*Mercosurmitgliedsländer: Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay &amp; Bolivien Quellen: Macrobond, Helaba Research China USA Deutschland Rest EU Mercosur\* Rest China USA Deutschland Rest EU Mercosur\* Rest Ölproduktion auf Rekordkurs USD/Barrel Mio. Barrel/Tag \*Monatsdurchschnittswerte basierend auf Tagesschlusskursen \*\*Rohöl inkl. Kondensat Quellen: Macrobond, LSEG, Helaba Research 0 1 2 3 4 5 0 40 80 120 160 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 2026 Brent-Öl\* (Future) (linke Skala) Ölfördermenge\*\* (rechte Skala) © Helaba | Research | 1. Oktober 2026 4 von 4 Im Fokus: Länder El Niño wird zum Risikofaktor Diese Struktur erhöht allerdings die Anfälligkeit für Wetterextreme. Nach Einschätzung des US-amerikanischen Climate Prediction Center der NOAA3 haben sich El-Niño-Bedingungen bereits etabliert. Die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses in den kommenden Monaten liegt bei über 90 %. Für Brasilien bedeutet dies typi- scherweise Trockenheit im Norden sowie stärkere Niederschläge und Überschwemmungen im Süden. Der unmittelbarste Preiskanal ist die Landwirtschaft. Dürren können Ernten beeinträchtigen und Lebensmittel ver- teuern. Niedrige Pegelstände erhöhen zudem die Kosten der stark von Wasserkraft abhängigen Stromversorgung. Im Süden bedrohen Überschwemmungen und Erdrutsche Gebäude, Infrastruktur und Versicherer. El Niño wirkt damit doppelt: über höhere Nahrungsmittel- und Energiepreise sowie über Schäden an Infrastruktur und Liefer- ketten. Zusammen mit der Wahlunsicherheit und fiskalischen Risiken dürfte El Niño zu einem wesentlichen Treiber von Inflation, Wachstum und Marktvolatilität werden. Herausgeber und Redaktion Helaba Research Redaktion: Dr. Stephan Brand Verantwortlich: Dr. Gertrud Rosa Traud Chefvolkswirtin/ Head of Research Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main T +49 69 / 91 32 – 20 24 E-Mail: research@helaba.de Internet: www.helaba.com Disclaimer Die Publikation ist mit größter Sorgfalt be- arbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegenwärtigen und zukünftigen Markt- verhältnissen. Die Angaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Ak- tualität wir aber keine Gewähr übernehmen können. Sämtliche in dieser Publikation ge- troffenen Angaben dienen der Information. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfeh- lung für Anlageentscheidungen verstanden werden. 3 National Oceanic and Atmospheric Administration. Hier können Sie sich für unsere Newsletter anmelden: news.helaba.de/research/

Skandale überschatten das offene Präsidentschaftsrennen zwischen Lula und Flávio Bolsonaro. Hohe Realzinsen und fragile Staatsfinanzen bremsen den Ausblick. Öl, Seltene Erden und EU-Mercosur-Abkommen eröffnen Chancen.
