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title: "Thüringen - Innovation vor Ort"
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language: de
updated: 2026-09-28
keywords: Länder & Regionen, Bundesländer
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# Thüringen - Innovation vor Ort

Thüringen – Innovation vor Ort Volkswirtschaft / Research, Juni 2019 Werte, die bewegen. Herausgeber: Helaba Landesbank Hessen-Thüringen Volkswirtschaft/Research Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin/Bereichsleitung Research Redaktion: Dr. Stefan Mitropoulos MAIN TOWER Neue Mainzer Straße 52-58, 60311 Frankfurt am Main Telefon: 0 69/91 32-20 24, Telefax: 0 69/91 32-22 44 Die Publikation ist mit größter Sorgfalt bearbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegenwärtigen und zukünftigen Marktverhältnissen. Die Angaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität wir aber keine Gewähr übernehmen können. Sämtliche in dieser Publikation getroffenen Angaben dienen der Information. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfehlung für Anlageentscheidungen verstanden werden. Titelbild: TU Ilmenau / ari 3 Editorial Sehr geehrte Leserinnen und Leser, in Thüringen hat Bildung und Forschung Tradition: Viele Standorte der Hochschulen können auf eine lange Geschichte zurückblicken und zeigen eindrucksvoll, dass der Vernetzungsgedanke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Thüringen keine Neuheit ist. Dies gilt insbesondere für die TU Ilmenau. In der Gründerzeit suchte der von Elektrizität und ihren Möglichkeiten begeisterte Eduard Jentzen einen Standort zur Eröffnung einer privaten Bildungsein- richtung. In Ilmenau fand seine Idee Gehör und so wurde 1894 dort das „Thüringische Technikum“ eröffnet. Die Ausbildung von Ingenieuren – abseits des einsamen Erfindertums – spielte in Ilmenau schon früh eine Rolle. Ausgehend von Elektrotechnik und Maschinenbau wurde der Hochschul- standort kontinuierlich weiterentwickelt. Die Ansiedlung von drei Fraunhofer-Instituten unterstützt heute die angewandte Forschung und ermöglicht somit den Wissenstransfer in die Wirtschaft. In Ilmenau ist die Hochschule aber nicht nur ein Ort für Studierende. Mit der „Langen Nacht der Technik“ öffnet sie sich regelmäßig der gesamten Bevölkerung. Um auch den jungen Nachwuchs für Technik zu begeistern, wird die ganze Innenstadt zu einer Technologiemeile mit zahlreichen Mitmach-Stationen. Die Stimmung dieses Events und die Bezauberung durch Elektrizität spiegelt das Titelbild unserer diesjährigen Thüringen-Studie „Innovation vor Ort“ eindrucksvoll wider. Aktionen wie diese sind wichtig. Denn am rohstoffarmen Technologiestandort Deutschland muss die Freude an Technik erhalten werden. Die Bedeutung technologischer Entwicklung wird für viele erst dann erkannt, wenn sie „greifbar“ ist. Auch das Ansehen der Tech-Berufe wird durch derartige Veranstaltungen gestärkt. Den entsprechenden Einfluss auf die Berufswahl sollte man nicht unter- T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 4 schätzen. Junge Erwachsene wollen ihrem Handeln vermehrt Wert und Sinn geben – wie die Pro- teste „Fridays for Future“ zeigen. Wissenschaft und Innovationen können dazu einen großen Bei- trag leisten. Deutsche Unternehmen, die qualifizierten und engagierten Nachwuchs suchen, müssen sich auf- grund der demografischen Entwicklung für einen noch härteren Wettbewerb um Talente wappnen. So steigt die Zahl der Studierenden in Deutschland kaum noch – trotz der zunehmenden Akademi- kerquote; bei den Ingenieurwissenschaften sank sie im Wintersemester 2018/2019 sogar. Auch die Hochschulen sind also dem Wettbewerb um Talente ausgesetzt. In den letzten Jahren waren die Hochschulen Thüringens diesbezüglich schon recht erfolgreich. Mittlerweile kommen 66 % der Studierenden entweder aus einem anderen Bundesland oder sogar aus dem Ausland. Damit diese aber langfristig in Thüringen bleiben, müssen auch die Unterneh- men aus Sicht der jungen Leute attraktiv sein. Je mehr sich Unternehmen und Hochschulen ver- netzen und bereits während des Studiums auf sich aufmerksam machen, desto einfacher wird dies. Neben guten Jobperspektiven zu bieten muss ein Unternehmen heutzutage auch seiner gesellschaftliche Verantwortung gerecht werden und seine Werte vermitteln können. Nur dann wird es ihm gelingen, die „Besten“ an seinen Standort zu holen und zu halten. Ihre Dr. Gertrud R. Traud Chefvolkswirtin/Bereichsleitung Research T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 5 Inhalt 1 Transformation der Wirtschaft: Tempowechsel in Thüringen ............................................... 7 Zunächst Innovation im Zeitraffer ........................................................................................ 7 Lohn der Transformation ..................................................................................................... 8 Wachstumsverlangsamung – rasche Veränderung auf dem Arbeitsmarkt .......................... 9 Integration von Ausländern in den Thüringer Arbeitsmarkt hat begonnen ......................... 10 2 Hochschulen als Innovatoren ................................................................................................ 11 Hochschulen mit attraktivem Fächerangebot und renommierter Forschung ..................... 11 Internationalisierung der Hochschulen auf gutem Weg ..................................................... 13 Studierendendichte, Betreuungsquote und Stipendien – wichtig bei Studienortwahl ........ 14 3 Innovationen bei Patenten und Investitionen ....................................................................... 15 4 Sparkassen als Finanziers der Unternehmen ....................................................................... 16 Überdurchschnittliche Marktanteile im Firmenkreditgeschäft ............................................ 16 Sehr niedrige Insolvenzen ................................................................................................. 5 Konjunktur in Thüringen ......................................................................................................... 18 Wachstum in den letzten fünf Jahren etwa im Bundesdurchschnitt ................................... 18 Industrie mit fulminantem Start 2019 ................................................................................. 19 Wirtschaftswachstum 2019: Mehr Dynamik in Thüringen .................................................. 20 6 Werteorientierte Bewerbersuche stärkt Innovationskraft .................................................... 21 Redaktionsschluss: 5. Juni 2019 17 T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 6 Zusammenfassung Rasche Veränderung auf dem Arbeitsmarkt Die Arbeitslosenquote hat sich in Thüringen in den letzten zehn Jahren auf 5,5 % (Durchschnitt Januar-Mai 2019) mehr als halbiert. Vollbeschäftigung ist somit Realität. Wie eng der Arbeits- markt schon ist, erkennt man an dem Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen. Diese Relation hat sich in Thüringen auf 2,5 reduziert und ist niedriger als der Bundesdurchschnitt mit 2,9. Damit hat sich die Verhandlungsmacht zu Gunsten der Arbeitnehmer verschoben. Dies wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken. Gut 190.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind derzeit 55 Jahre und älter. Damit wird in den nächsten 12 Jahren fast ein Viertel der Belegschaften in den Ruhestand gehen. Integration von Ausländern in den Thüringer Arbeitsmarkt hat begonnen Die positiven Auswirkungen der Zuwanderung werden mittlerweile spürbar. Gab es vor vier Jahren ca. 20.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit einem ausländischen Pass, hat sich ihre Zahl bis 2018 fast verdoppelt. Der Ausländeranteil an der Beschäftigung ist auf 5 % gestiegen, liegt aber noch weit vom Durchschnitt der alten Bundesländer von 13 % entfernt. Internationalisierung der Hochschulen auf gutem Weg – hohe Betreuungsquote Den Thüringer Hochschulen gelang es, sich national und international zu etablieren. Mittlerweile erwarben 53 % der dortigen Studierenden ihre Hochschulzugangsberechtigung in einem ande- ren Bundesland, 13 % im Ausland und rund ein Drittel in Thüringen. Vielleicht hat zum Erfolg die überdurchschnittliche Betreuungsquote durch Professoren und das übrige wissenschaftliche Personal beigetragen. Insgesamt sind Thüringer Hochschulen internationaler als der gesamt- deutsche Durchschnitt. Diese Internationalisierung ist zu begrüßen, braucht doch die deutsche und insbesondere thüringische Wirtschaft dringend Fachkräfte. Bildet man sie im eigenen Land aus, sind die Vorteile unverkennbar: Die sprachlichen und fachlichen Qualifikationen entspre- chen nämlich besser den Anforderungen der Unternehmen und anderer Arbeitgeber vor Ort. Innovationen bei Patenten und Investitionen Die vielfältigen Bildungs- und Forschungsaktivitäten tragen Früchte. Der Erfindungsreichtum ist in Thüringen vergleichsweise hoch. Die Zahl der Patente pro 100.000 Einwohner liegt mit 25 deutlich über dem ostdeutschen Durchschnitt von 14. Zudem investiert die Thüringer Industrie kräftig. Dies zeigt, dass die Unternehmen an den Standort glauben. Dank der Investitionen werden weiterhin innovative und wettbewerbsfähige Produkte entwickelt und hergestellt. Überdurchschnittliche Marktanteile der Sparkassen im Firmenkreditgeschäft Seit 2010/2011 hat sich die Kreditvergabe der Sparkassen kräftig beschleunigt. Inzwischen beträgt ihr Marktanteil bei Unternehmen 31 % und ist damit um vier Prozentpunkte höher als im Bundesdurchschnitt. Sie tragen somit zur wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort bei. Wirtschaftswachstum 2019: Mehr Dynamik in Thüringen Für Deutschland erwarten wir ein Wirtschaftswachstum von 1 %. Nimmt man die sehr konjunk- turreagible Industrie als Indikator für das Wachstum des BIP, dann sollte in Thüringen 2019 ein Wert nahe des Bundesdurchschnitts möglich sein – legte der Sektor zum Jahresbeginn doch einen fulminanten Start vor. Dies dürfte den schwächeren Impulsen aus den Dienstleistungs- branchen entgegenwirken, die angesichts der Demografie in weiten Teilen keine überdurch- schnittliche Dynamik entwickeln. Werteorientierte Bewerbersuche stärkt Innovationskraft Unternehmen sind gut beraten, wenn sie über Konjunkturzyklen hinweg eine nachhaltige Per- sonalpolitik betreiben. Um die „Besten“ für ihre Betriebe nicht zu verpassen, sollten sie dem Vorbild der Hochschulen folgen und die Internationalisierung der Belegschaften vorantreiben. Auch sollten Gender-Aspekte bei der Bewerbersuche berücksichtigt werden, damit ein breites Interesse an den zu besetzenden Stellen geweckt wird. Mit einer werteorientierten Bewerbersu- che allen Bevölkerungsgruppen offen zu begegnen wird dem Standort Thüringen guttun und seine Innovationskraft vor Ort dauerhaft steigern. Autorin: Barbara Bahadori Telefon 0 69/91 32-24 46 research@helaba.de T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 7 1 Transformation der Wirtschaft: Tempowechsel in Thüringen Zunächst Innovation im Zeitraffer Wie schnell Transformation gehen kann und welche Rolle dabei die Innovation spielt, wissen in Thüringen viele Unternehmen und Beschäftigte aus eigener Erfahrung. Der Anteil des Produzie- renden Gewerbes (inklusive Baugewerbe) an der Beschäftigung verminderte sich von 52 % im Jahr 1988 über 35 % (1994) auf 30 % (2002). Auch viele Menschen mussten sich im marktwirt- schaftlichen Wirtschaftssystem neu erfinden. Eigenverantwortung, Veränderungsbereitschaft und Toleranz standen auf einmal im Vordergrund. Hauptsächlich im Verarbeitenden Gewerbe wurden in der Transformationsphase zahlreiche Ar- beitsplätze abgebaut. So sind heute Elektrotechnik/Optik und Maschinenbau weit von ihrer frühe- ren Bedeutung entfernt, zählen aber immer noch zu den größten Industriebranchen in Thüringen. Allerdings waren nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen. Das Ernährungsgewerbe ist als Arbeitgeber in etwa wieder gleich präsent wie kurz nach der Wiedervereinigung. Im Kraftfahrzeug- bau und bei Kfz-Teilen ist die Beschäftigung höher als 1991. Die Hersteller von Metallerzeugnissen und Gummi-/Kunststoffwaren expandierten dagegen kräftig. Insgesamt hat sich die Industriebe- schäftigung seit ihrem Tiefpunkt Mitte der 90er Jahre mit einem Plus von 25 % spürbar erholt. Seitdem sind rund 50.000 Arbeitsplätze entstanden. Ohne die enormen Anstrengungen in puncto Innovation und Investitionen wäre dies nicht möglich gewesen. Industrie mit höchstem Arbeitsplatzverlust nach 1991 Beschäftigungstrends in den Industriebranchen Dazugewonnen haben seit der Wiedervereinigung vor allem die Dienstleister – ihr Anteil erhöhte sich von ehemals 38 % auf 68 % mit entsprechenden Folgen für die notwendigen Qualifikationen. Hier leisteten die Thüringer in relativ kurzer Zeit viel Transformation. Die berufliche Umorientierung war für den Einzelnen sicher nicht immer einfach. Sie bot aber auch für manchen die Chance, nun einen Beruf zu ergreifen, der den eigenen Interessen mehr entsprach und in dem man sich selbst verwirklichen konnte. Dabei war es der Bereich Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister, der in erhebli- chem Maße zusätzliche Mitarbeiter benötigte und von 1991 bis 2010 die Zahl seiner Beschäftigten verdoppelte. Die staatlich dominierten öffentlichen und sonstigen Dienstleister sowie Handel, Gastgewerbe, Verkehr, Information/Kommunikation veränderten die Beschäftigtenzahl dagegen kaum. Dies heißt aber nicht, dass der alte Stiefel durchgezogen werden konnte, sondern auch hier mussten Qualifikationen an neue Produkte und Produktionsprozesse angepasst werden. Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister mit Personalbedarf Industriebranchen mit sehr unterschiedlicher Entwicklung T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 8 Lohn der Transformation Der Lohn der Transformation zeigt sich ökonomisch in verschiedenen Messgrößen. Die Wirt- schaftskraft wird am BIP pro Einwohner gemessen. Nach einem Start von 33 % des gesamtdeut- schen Durchschnitts im Jahr 1991 erreicht Thüringen inzwischen 73 %. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Wirtschaftsbereichen. Im Baugewerbe liegt der Pro-Kopf-Wert fast bei 100 %, bei öffentlichen und sonstigen Dienstleistern beträgt er 93 % und im Verarbeitenden Gewerbe 78 % des gesamtdeutschen Wertes. In den privatwirtschaftlichen Dienstleistungsbranchen sind selten Werte über 60 % vorzufinden. Der Pro-Einwohner-Output kann auch als z.B. Dienstleistungsbesatz einer Region interpretiert werden. In diesem Sinne lassen sich die niedrigen Werte bei etlichen Dienstleistungsbranchen in Thüringen erklären. Gerade in den Bereichen Handel, Verkehr, Information/Kommunikation, Fi- nanzierung, Versicherung und Unternehmensdienstleister gehören viele Betriebe vor Ort zu natio- nalen oder multinationalen Konzernen, die ihren Hauptsitz mit den entsprechenden Beschäftigten für zentrale Tätigkeiten wie Forschung/Entwicklung und Verwaltung in den alten Bundesländern haben. Dies schmälert grundsätzlich ihre Präsenz und damit den wirtschaftlichen Output in den neuen Bundesländern. Transformation bringt und sichert Wohlstand Erfolge auf den Exportmärkten Thüringen: in % des gesamtdeutschen Durchschnitts Verarbeitendes Gewerbe: Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz in % Quellen: Arbeitskreis VGR der Länder, Helaba Volkswirtschaft/Research \*Durchschnitt Januar bis März 2019 Quellen: Statistisches Bundesamt, Helaba Volkswirtschaft/Research Bei der Produktivität, also dem BIP pro Erwerbstätigen, startete Thüringen 1991 ebenfalls nur mit einem Drittel des gesamtdeutschen Durchschnitts. Hier wird inzwischen mit 81 % ein Wert erreicht, der über dem Pro-Einwohner-Output liegt. Dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht noch höher ist, hat auch mit der mittelständischen Struktur zu tun. Die Thüringer Unternehmensland- schaft kann aufgrund geringerer Stückzahlen weniger Skalenerträge erwirtschaften. Dies bremst die Produktivitätsentwicklung tendenziell. Die Bruttolöhne und -gehälter pro Arbeitnehmer sind in Thüringen sogar bei 84 % des gesamtdeutschen Durchschnitts angelangt, obwohl bei konzernan- gehörigen Betrieben bestimmte besser entlohnte Stellen mehr in den alten als in den neuen Bun- desländern anzutreffen sind. Wirtschaftlichen Erfolg erkennt man auch daran, ob die heimischen Produkte im Ausland gefragt sind. Dies kann für Thüringen eindeutig mit „ja“ beantwortet werden. Produkte „Made in Thuringia“ werden im Ausland sehr geschätzt. Die Exportquote in der Industrie beträgt mittlerweile fast 40 % und entspricht nahezu dem ostdeutschen Durchschnitt. Der Abstand zum gesamtdeutschen Wert hat sich auf 14 Prozentpunkte eingeengt. Zudem dürfte die Exportquote etwas unterschätzt sein. Etliche thüringische Erzeugnisse werden nämlich in Waren verbaut und dann von anderen Bun- desländern aus exportiert. Zusammengefasst geht aus der Entwicklung der ökonomischen Indika- toren hervor, dass in Thüringen durch die Einführung innovativer Produkte und Produktionsverfah- ren wirtschaftliche Fortschritte innerhalb kurzer Zeit erreicht wurden. 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 10 20 30 40 50 60 10 20 30 40 50 60 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19\* Deutschland Thüringen Ostdeutschland Thüringer BIP pro Kopf: 73 % des gesamtdeut- schen Durchschnitts Thüringer Produktivität: 81 % des gesamtdeut- schen Durchschnitts Hohe Steigerungen beim Auslandsabsatz T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 9 Wachstumsverlangsamung – rasche Veränderung auf dem Arbeitsmarkt Schaut man sich den Verlauf der ökonomischen Messgrößen in Thüringen an, dann hat sich seit längerem die Geschwindigkeit der Veränderung verlangsamt. In den letzten zehn Jahren war die jährliche Zunahme des BIP pro Einwohner in Thüringen etwa einen Prozentpunkt höher als der Bundesdurchschnitt, die der Produktivität und Bruttolöhne/-gehälter pro Arbeitnehmer um 1,5 bzw. 0,5 Prozentpunkte. Eine Ausnahme bildet der Thüringer Arbeitsmarkt. Zwar ist die Erwerbstätigkeit seit fast einer De- kade weitgehend unverändert geblieben, dahinter verbergen sich aber zwei gegenläufige Trends: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist seit 2008 um 8 % gestiegen, während die der ausschließlich geringfügig Beschäftigten um 4 % abnahm. Damit hat sich die Qualität der Arbeit verbessert. Zudem haben sich auch die Arbeitszeitpräferenzen stark verändert. So hat die Teilzeitquote in der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Thüringen seit 2008 von 17 % auf 27 % zugenommen und ist jetzt genauso hoch wie in den alten Bundesländern. Arbeitsmarkt in Bewegung Arbeitslosigkeit drastisch gesunken Thüringen: Beschäftigte Thüringen: in 1.000 Personen Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research \*Durchschnitt Januar bis Mai 2019 Quellen: Arbeitskreis VGR der Länder, Bundesagen- tur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research Die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote haben sich in den letzten zehn Jahren auf 62.000 Personen bzw. 5,5 % (Durchschnitt Januar-Mai 2019) mehr als halbiert. Die Thüringer Erwerbslosenrate ist damit die niedrigste unter den neuen Bundesländern und kaum noch höher als der gesamtdeutsche Durchschnitt von 5,1 %. Vollbeschäftigung, häufig mit einer Quote um 5 % definiert, ist in Thüringen schon Realität. Arbeitslose zu offene Stellen: Kaum noch Spielraum Anzahl der Arbeitslosen pro offene Stelle, Durchschnitt Januar bis Mai 2019 Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft/Research Wie eng der Arbeitsmarkt in Thüringen schon ist, erkennt man auch an dem Verhältnis von Ar- beitslosen zu offenen Stellen. 2008 kamen statistisch betrachtet 14,5 Arbeitslose auf eine offene Stelle, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wurde. Seitdem hat sich die Relation auf 2,5 reduziert. Thüringen liegt damit nach Bayern (1,7) und Baden-Württemberg (1,8) zusammen mit 75.000 100.000 125.000 150.000 175.000 200.000 225.000 250.000 675.000 700.000 725.000 750.000 775.000 800.000 825.000 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Teilzeitbeschäftigte (sozialversicherungspflichtig) geringfügig Beschäftigte Alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (linke Skala) 1.000 1.050 1.100 1.150 1.200 1.250 0 50 100 150 200 250 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19\* Arbeitslose (linke Skala) Erwerbstätige (rechte Skala) 1,7 1,8 2,5 2,5 2,8 2,9 2,9 3,3 3,3 3,4 3,5 3,7 3,7 3,9 4,3 4,6 5,3 Bayern Bad.- Württ Rheinl.- Pfalz Thür. Hess. Nied.- sachsen Deutsch- land Sach- sen Schle.- Holstein Brand. Saar- land Meckl.- Vorp. Ham- burg NRW Sach.- Anhalt Bre- men Berlin Beschäftigung passt sich Präferenzen an 2,5 Arbeitslose pro offener Stelle in Thüringen T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 10 Rheinland-Pfalz auf Platz 3 im Ranking der Bundesländer. Sachsen als zweitplatziertes Land im Osten weist einen Wert von 3,3 auf; der Bundesdurchschnitt beträgt 2,9. Ursache für die Situation am Thüringer Arbeitsmarkt ist zum einen die drastische Verringerung der Erwerbslosenzahl und zum anderen der rasche Anstieg der offenen Stellen von ehemals 9.300 (2008) auf 24.600. Damit hat sich die Verhandlungsmacht zu Gunsten der Arbeitnehmer verschoben. Denn unter Berück- sichtigung der Qualifikationserfordernisse für eine Arbeitsstelle dürften auf dem Arbeitsmarkt in manchen Berufsfeldern nicht mehr ausreichend Bewerber zur Verfügung stehen. Dies wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken. Gut 190.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind derzeit 55 Jahre und älter. Damit wird in den nächsten 12 Jahren fast ein Viertel der Beleg- schaften in Thüringen in den Ruhestand gehen. Reife Belegschaften in Thüringen Mehr als 190.000 Ruheständler in spe bis 2031 Im Vergleich der Ruheständler in spe mit den Thüringer Einwohnern, die derzeit zwischen 15 und 25 Jahre alt und noch nicht erwerbstätig sind, ergeben sich rund 100.000 potenzielle Arbeitneh- mer, die sich bei den dortigen Unternehmen und öffentlichen Institutionen im Laufe der nächsten zehn Jahre bewerben könnten – vorausgesetzt sie verlassen das Bundesland nicht. Allein aus dieser sehr groben Schätzung lässt sich ein Arbeitskräftemangel von rund 90.000 Personen in Thüringen ableiten. Prognose signalisiert Rückgang der Erwerbspersonen Ausländer: Zuzug mit positivem Effekt Integration von Ausländern in den Thüringer Arbeitsmarkt hat begonnen Unter Einbeziehung weiterer Aspekte wie der Zu- und Abwanderung ermittelt die Bevölkerungsvor- ausberechnung des Thüringer Landesamtes für Statistik einen Rückgang der Erwerbspersonen von rund 300.000 bis 2035. Diese Prognose basiert allerdings auf Annahmen, die sich auf den Zeitraum vor dem Basisjahr 2014 beziehen. Die damalige Wanderungsstatistik sowie das Verhält- nis von Geburten und Sterbefällen bildete die Grundlage. Hier haben sich durch die Zunahme von rund 30.000 Ausländern im Jahr 2015 sowie in den Folgejahren mit insgesamt 22.000 deutliche Geringeres Erwerbspersonenpotenzial T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 11 Veränderungen eingestellt. Die positiven Auswirkungen werden mittlerweile spürbar. Gab es vor vier Jahren ca. 20.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit einem ausländischen Pass, hat sich ihre Zahl bis 2018 fast verdoppelt. Der Ausländeranteil an der Beschäftigung ist damit auf 5 % gestiegen, liegt aber noch weit vom Durchschnitt der alten Bundesländer von 13 % entfernt. Gerade die Internationalität der westdeutschen Ballungszentren wird aber von Neuankömmlingen geschätzt, sodass die neuen Bundesländer sowie die ländlichen Regionen in den alten Bundes- ländern ihre Attraktivität steigern müssen, um im Wettbewerb um ausländische Talente bestehen zu können. Dabei sind ihre Chancen gar nicht so schlecht: Aufgrund geringerer Kontaktmöglichkei- ten zu Menschen gleicher Herkunft dürfte der Spracherwerb hier schneller erfolgen, die Kosten für Wohnen sind geringer und die Schulen nicht so überlaufen wie in den Großstädten. Sollte dazu ein sicherer Arbeitsplatz sowie Offenheit und Toleranz kommen, lassen sich nicht nur ausländische Zuwanderer für das Bundesland begeistern. 2 Hochschulen als Innovatoren In Thüringen hat Bildung und Forschung Tradition: Viele Standorte der Hochschulen können auf eine lange Geschichte zurückblicken und zeigen eindrucksvoll, dass der Vernetzungsgedanke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Thüringen keine Neuheit ist. Hochschulen mit attraktivem Fächerangebot und renommierter Forschung Inzwischen verfügt Thüringen über 14 Studienorte mit 13 Hochschulen. Die akademische Hoch- burg ist Jena: Hier studieren mit rund 22.000 Hochschülern 44 % der Studierenden. Erfurt ist mit einem Anteil von 20 % der zweitgrößte Standort (rd. 10.000 Studierende). 11 % der Hochschüler studieren in Ilmenau und weitere 9 % in Weimar. Die Fachhochschulen in Schmalkalden und Nordhausen unterrichten jeweils 5 % der Studierenden. Insgesamt sind 67 % der thüringischen Studierenden an Universitäten eingeschrieben, was über dem Bundesdurchschnitt von 62 % liegt. Hochschulstandorte in Thüringen Jena mit rund 22.000 Studierenden größter Hochschulstandort T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 12 Das Fächerangebot der Hochschulen ist auf die Industrieorientierung der Thüringer Wirtschaft ausgerichtet. So haben mit rd. 19.000 Studierenden 38 % ein Fach aus dem MINT-Bereich aus- gewählt (Ingenieurwissenschaften: 29 %, Mathematik/Naturwissenschaften: 9 %). Hinzukommen Wirtschaftsingenieure, die eng mit den technischen Fächern zusammenarbeiten. In die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben sich 36 % der Studierenden (rd. 18.000) einge- schrieben. Auf die Geisteswissenschaften entfallen 12 %. Agrar-, Forst-, Ernährungswissenschaf- ten und Veterinärmedizin erzielen zusammen einen Anteil von 7 %. Kunst und Kunstwissenschaf- ten stehen im Fokus von 4 % der Hochschüler. Damit ähnelt die Aufteilung der thüringischen Stu- dierenden auf die verschiedenen Fächergruppen dem Bundesdurchschnitt. Den Unternehmen steht ein großes Fachkräftepotenzial zur Verfügung. Rechts-, Wirtschafts-, Sozialwissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften im Fokus Jena als größter Hochschulstandort bietet das breiteste Fächerangebot. Dabei sind mit 20 % über- durchschnittlich viele Studierende in die Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften einge- schrieben. Die Rechts-, Wirtschafts-, Sozialwissenschaften stehen in Erfurt im Zentrum der Nach- frage der Studierenden (56 %). In Ilmenau, Weimar und Schmalkalden dominieren mit Anteilen zwischen 50 % und 78 % die Ingenieurwissenschaften. Ausgewählte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen in Thüringen Jena  Exzellenzcluster: Balance of the Microverse – Gleichgewicht im Mikroversum  Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte  Max-Planck-Institut für Biogeochemie  Max-Planck-Institut für chemische Ökologie  Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF  Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI).  Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie - Hans-Knöll-Institut (HKI)  Leibniz-Institut für Photonische Technologien (IPHT)  Helmholtz-Institut Jena, Außenstelle des GSI Helmholtz-Zentrums für Schwerionenforschung  DLR-Institut für Datenwissenschaften Ilmenau  Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB, Institutsteil Angewandte System- technik (AST)  Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS, Elektronische Messtechnik und Signalverarbeitung  Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT  Institut für Mikroelektronik- und Mechatronik-Systeme gGmbH IMMS Weimar  Materialforschungs- und Prüfanstalt an der Bauhaus-Universität Weimar  Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Forschungsstation für Quartärpaläontologie Erfurt  Fraunhofer-Projektzentrum Mikroelektronische und Optische Systeme für die Biomedizin Heiligenstadt  Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V. Hermsdorf  Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme, Standort Hermsdorf Tautenburg  Thüringer Landessternwarte Quellen: Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft, Helaba Volkswirtschaft/Research Nutzung des Fächerangebots wie im Bundesdurchschnitt T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 13 Renommierte Forschungsinstitute ergänzen die Hochschullandschaft. Diese konzentrieren sich auf Jena, was sicher durch den größten Hochschulstandort Thüringens bedingt ist. Auch Ilmenau kann punkten. Die dortige Forschungslandschaft beheimatet drei der sechs Fraunhofer-Standorte des Landes. In Weimar befindet sich mit der Materialforschungs- und Prüfanstalt eine Landeseinrich- tung, die das Forschungsfeld Werkstoffe und Konstruktionen der dortigen Universität unterstützt. Internationalisierung der Hochschulen auf gutem Weg Insgesamt erreichte die Zahl der Studierenden 2011 mit fast 54.000 den Höhepunkt. Zum Ver- gleich: 1988 studierten 41.650 Personen an den 46 Fachschulen, 4 Universitäten, der Kunsthoch- schule und der pädagogischen Hochschule Thüringens. Inzwischen sind mit knapp 50.000 Studie- renden 4.000 weniger im gesamten Hochschulsektor des Bundeslandes eingeschrieben. Hier macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar. So sank die Zahl der Abiturienten von fast 10.000 Ende der 90er Jahre auf 4.300 im Jahr 2011. Seitdem hat sie sich dank ausländischer Schüler auf 5.700 wieder etwas erholt. Thüringer Studierendenzahl leicht sinkend Fast stagnierende Studierendenzahl in Deutschland Thüringen: Studierende in 1.000, jeweils Wintersemester Deutschland: Studierende in 1.000, jeweils Wintersemester Quellen: Thür. Landesamt f. Statistik, Stat. Bundesamt, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Statistisches Bundesamt, Helaba Volkswirtschaft/Research In diesem demografischen Umfeld gelang es den Thüringer Hochschulen, sich national und inter- national zu etablieren. Mittlerweile erwarben 53 % der dortigen Studierenden ihre Hochschulzu- gangsberechtigung in einem anderen Bundesland und 13 % im Ausland – nur rund ein Drittel der Studierenden hat in Thüringen ihr Abitur gemacht. Daraus ergibt sich ein Ausländeranteil von 15,5 % an den Thüringer Hochschulen, der über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 13,7 % liegt. Dies resultiert aus dem kontinuierlichen Anstieg ausländischer Studierender in Thüringen, der die abnehmende Zahl deutscher Studierender zum Teil ausgleichen kann. Die Thüringer Hoch- schulen sind somit internationaler als der gesamtdeutsche Durchschnitt. Für Deutschland insgesamt zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. So schwächte sich der Anstieg der Studierendenzahl in den letzten drei Jahren immer mehr ab und zum Wintersemester 2018/2019 blieb die Zunahme sogar unter 1 %. Dahinter verbergen sich aber unterschiedliche Trends. Die Zahl deutscher männlicher Studierenden nahm um 1,1 % ab, während ein Plus bei den deutschen Studentinnen um den gleichen Prozentsatz zu verbuchen war. Damit stagnierte die Zahl der deutschen Studierenden insgesamt. Bei den ausländischen Studierenden gibt es seit acht Jahren Zuwächse zwischen 4,5 % und 7 %. Die Frauenquote war im Wintersemester 2018/2019 mit 47 % nur geringfügig unter der der deutschen Studierenden von 49 %. Die Internationalisierung an den Hochschulen ist zu begrüßen, braucht doch die deutsche und insbesondere thüringische Wirtschaft dringend Fachkräfte, deren Herkunft sekundär ist. Bildet man sie im eigenen Land aus, sind die Vorteile unverkennbar: Die sprachlichen und fachlichen Qualifi- kationen entsprechen nämlich besser den Anforderungen der Unternehmen und anderer Arbeitge- ber vor Ort. 0 10 20 30 40 50 60 0 10 20 30 40 50 60 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Deutsche Studierende Ausländische Studierende Studierende insgesamt 0 500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 0 500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Deutsche Studierende Ausländische Studierende Studierende insgesamt Viele Forschungsinstitute in Jena und Ilmenau Ausländische Studierende vermehrt in Thüringen 2011: Höhepunkt bei Zahl der Studierenden T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 14 Studierendendichte, Betreuungsquote und Stipendien – wichtig bei Studienortwahl Die Studierendendichte, also Studierende pro 1.000 Einwohner, ist in Thüringen mit 23 verglichen mit den alten Bundesländern (36) deutlich unterdurchschnittlich. Dies kann für Studienanfänger aber von Vorteil sein, da nicht so viele Studierende mit der heimischen Bevölkerung um Wohn- raum konkurrieren. Zieht man als Vergleich die neuen Bundesländer ohne Berlin heran, erreicht Thüringen fast den Durchschnitt von 24. Übrigens lag die Studierendendichte zu DDR-Zeiten mit 18 deutlich niedriger und betrug in Thüringen nur 15 Studierende pro 1.000 Einwohner. Studierendendichte in Thüringen etwa im ostdeutschen Durchschnitt Hochschulen sind Transformatoren von Wissen, indem sie dem akademischen Nachwuchs die Erkenntnisse der Wissenschaft in bewältigbaren Portionen näherbringen und ihn ermutigt, neue Wege zu beschreiten. Hierfür ist eine intensive Betreuung der Studierenden förderlich. Thüringen kann dabei mit überdurchschnittlichen Werten aufwarten. Über alle Fächergruppen hinweg bieten die Hochschulen eine Betreuungsquote durch Professoren, die um 44 % über dem Bundesdurch- schnitt liegt. Auch beim übrigen wissenschaftlichen und künstlerischen Personal wird nicht gespart, sodass der Bundeswert um 38 % überschritten wird. Thüringen: Überdurchschnittliche Betreuungsquoten für Studierende Dieser Personalschlüssel ist gerade mit Blick auf Neuankömmlinge aus dem Ausland wichtig, soll das Studium erfolgreich beendet werden. Damit wird insgesamt eine positive Grundstimmung für das Bundesland erzeugt, die Absolventen motivieren könnte, sich in Thüringen niederzulassen und eine Arbeitsstelle in der neuen Heimat anzunehmen. Nicht unerheblich ist die finanzielle Seite des Studierens. Für die Studierenden bietet sich das Bewerben um Stipendien an. Das Deutschlandstipendium – finanziert von Bund und privaten Stif- tern – ist eine Möglichkeit. Die Stipendiatenzahl beträgt inzwischen gut 27.000, wovon 404 in Thü- ringen studieren. Das scheint zunächst wenig. Bezogen auf die Studierendenzahl relativiert sich Studierendendichte zu DDR-Zeiten niedriger Stipendiatendichte noch ausbaufähig T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 15 der erste Eindruck. So erhalten 8 von 1.000 Studierenden in Thüringen ein Deutschlandstipendium – der Durchschnitt liegt bei 10. Angesichts der dortigen Forschungslandschaft könnte die Stipendi- atenzahl bestimmt noch steigen. Hier sind die Hochschulen gefragt, die Studierenden zu einer Bewerbung zu ermutigen und bei der Beantragung zu unterstützen. Vielleicht hängt die etwas geringere Stipendiatenzahl mit der vergleichsweise hohen Förderquote durch BAföG in Thüringen zusammen. So erhalten rund 30 % der dortigen Studierenden derartige finanzielle Mittel, während der Bundesdurchschnitt bei knapp 20 % liegt. Allerdings erreicht das Nachbarland Sachsen bei beiden Förderangeboten eine Topplatzierung. 3 Innovationen bei Patenten und Investitionen Die vielfältigen Bildungs- und Forschungsaktivitäten tragen Früchte. Der Erfindungsreichtum ist in Thüringen vergleichsweise hoch. Die Zahl der Patente pro 100.000 Einwohner lag 2018 mit 25 deutlich über dem ostdeutschen Durchschnitt von 14 und war über die letzten Jahre weitgehend konstant. Bis zum westdeutschen Wert von 63 ist zwar ein großer Abstand, allerdings dürfte die Statistik zu Gunsten der alten Bundesländer verzerrt sein, da sich etliche Konzernzentralen ost- deutscher Betriebe in Westdeutschland befinden. Diese Firmensitze sind häufig für den Patentie- rungsprozess zuständig, obwohl das Patent eventuell auf Forschungsaktivitäten in den neuen Bundesländern beruht. Thüringer Patentanmeldungen pro Einwohner über ostdeutschem Durchschnitt Von den 547 thüringischen Patentanmeldungen aus dem letzten Jahr sind 17 % dem Bereich Optik zuzuordnen. Da ist es günstig, dass das Deutsche Patent- und Markenamt in Jena eine seiner drei Dienststellen neben München und Berlin hat – ist doch die Stadt für ihre optische In- dustrie weltweit bekannt. Jeweils 12 % der Patente werden aus den Produktgruppen elektrische Maschinen/Geräte/Energie und Medizintechnik angemeldet. Statistische Verzerrungen zu Ungunsten von neuen Ländern Patentamt mit Dienststelle in Jena T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 16 Im Jahr 30 nach dem Fall der Mauer dürfte so manche Produktionsanlage, die damals modern konzipiert und neu gebaut wurde, in die Jahre gekommen sein. Hier sind Investitionen in den Standort gefragt. Die Thüringer Industrie hat dies erkannt. Nachdem der Anteil der Industriebetrie- be, die investieren, zwischenzeitlich etwas gesunken war, verbesserte sich der Wert wieder auf 84 % im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2017. Er liegt nur geringfügig unter dem deutschen Durchschnitt von 86 %. Dies zeigt, dass die Unternehmen weiterhin am Industriestandort Thürin- gen interessiert sind, an ihn glauben und so schätzen, dass sie jährlich knapp 1,6 Mrd. € dort in- vestieren. Dank dieser Investitionen können weiterhin innovative und wettbewerbsfähige Produkte entwickelt und hergestellt werden. Investitionen wieder auf höherem Niveau Thüringer Industrie vergleichsweise investitionsfreudig Der Hauptteil der Investitionen der Thüringer Industrie (90 %) floss in Maschinen und Betriebsaus- stattung. Der Rest wurde für Grundstücke und Bauten aufgewendet. Darin unterscheidet sich Thü- ringen nicht vom Bundesdurchschnitt. Bezüglich der Investitionen pro Beschäftigten erreichen die Thüringer Industriebetriebe aufgrund ihrer mittelständischen Struktur nicht ganz den Bundeswert. Gemessen am Umsatz zeigen sich die Industrieunternehmen in Thüringen aber investitionsfreudi- ger als der gesamtdeutsche Durchschnitt. Im Zusammenhang mit Innovationen und Investitionen können Cluster sehr wichtig sein. For- schung, die in den meisten Firmen ein sehr sensibles Thema ist, kann nämlich auch gemeinsam betrieben werden, besonders wenn die beteiligten Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette eines Produktes zusammenarbeiten. Gerade in Thüringen sind die Hochschulen in die Netzwerke gut eingebunden. Sie bieten das Wissen und die Ausstattung, die sich manches Unternehmen alleine nicht leisten kann. So können Produktionsketten optimiert und die Innovationskraft in den Clustern gestärkt werden. Neben diesem direkten Nutzen können gerade mittelständische Firmen im Wettbewerb um zukünftige Mitarbeiter punkten, wenn sie in Clustern kooperieren: Dadurch reicht der „Wissens-Horizont“ über das Spezialistentum im Betrieb hinaus und es kann eine ab- wechslungsreiche Arbeit geboten werden. 4 Sparkassen als Finanziers der Unternehmen Überdurchschnittliche Marktanteile im Firmenkreditgeschäft Auch die Sparkassen, die eng mit der Region verbunden sind, haben nach der Wiedervereinigung eine rasante Transformation hingelegt. Durch ihre Beschränkung zu DDR-Zeiten auf das Privat- kundengeschäft mit wenig Kreditengagement mussten sie danach Expertise für die anderen Ge- schäftsfelder entwickeln. Der Aufbau verlief bei Privatkunden schneller als bei Firmenkunden. Seit 2010/2011 hat sich die Kreditvergabe der Sparkassen kräftig beschleunigt. Inzwischen beträgt ihr Marktanteil bei Unternehmen 31 % und ist damit um vier Prozentpunkte höher als im Bundes- durchschnitt. Sie tragen somit zur wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort bei. Vielfältige Funktionen von Clustern Investitionen in 84 % der Industriebetriebe Marktanteil bei Firmenkrediten: 31 % T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 17 Expansive Kreditvergabe der Sparkassen Thüringer Sparkassen mit hohen Marktanteilen Thüringer Sparkassen: Kreditbestand in Mrd. € Thüringen: Marktanteile nach Kreditnehmergruppen in %, Dezember 2018 Quellen: Deutsche Bundesbank, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Deutsche Bundesbank, Helaba Volkswirtschaft/Research Die Kredite an Selbständige sind konstant geblieben, was auch mit der demografischen Entwick- lung zusammenhängen kann, nähern sich doch viele Selbständige dem Rentenalter und planen meistens keine zusätzlichen Investitionen mehr. Die Sparkassen sind bei ihnen als Geschäfts- partner geschätzt und weisen mit 38 % den höchsten Marktanteil bei dieser Kreditnehmergruppe auf. Sehr niedrige Insolvenzen Die über mehrere Jahre solide wirtschaftliche Lage Thüringens sorgt für das sehr niedrige Niveau der Insolvenzen. 2018 waren nur 329 Unternehmen zahlungsunfähig, das sind 27 pro Monat. Be- zieht man die Zahl der Konkurse auf den Unternehmensbestand oder die Einwohnerzahl, dann hat das Bundesland mit die niedrigste Insolvenzquote bundesweit. Dies spiegeln auch die Gewerbe- abmeldungen wider, die seit langem rückläufig sind. Für die Banken ist dies ein Umfeld, in dem das Risiko der Kreditvergabe an Unternehmen und Selbständige spürbar vermindert wird. Insolvenzen in Thüringen extrem niedrig Gründungsgeschehen verlangsamt Insolvenzen: Veränderung gegenüber Vorjahr in % Zahl der Gewerbean-/-abmeldungen Quellen: Stat. Bundesamt, Helaba Volkswirtschaft/Research Quellen: Thür. Landesamt f. Statistik, Helaba Volkswirtschaft/Research Allerdings ist die Zahl der Gründungen in Thüringen – hier gemessen an den Gewerbeanmeldun- gen – in den letzten Jahren ebenfalls stark gefallen. Ursächlich war nicht mangelnde Innovations- freude, sondern die demografische Entwicklung, die besonders einen Rückgang in den jüngeren, gründungsaffinen Altersgruppen zur Folge hat. Für die regionale Wirtschaft ist dies langfristig nicht positiv. Ohnehin kann es in einer dynamischen Volkswirtschaft immer passieren, dass Unterneh- men ihre Standorte verkleinern oder ganz verlegen. Deshalb ist es zum einen wichtig, neue auf- strebende Firmen im Land zu haben, die mit innovativen Produkten oder Dienstleistungen an den Markt gehen und Arbeitsplätze auf allen Qualifikationsstufen schaffen. Zum anderen sind regionale Wirtschaftsförderungsgesellschaften und andere unternehmensnahe Institutionen gefragt, die schon ansässige Unternehmen mit Rat und Tat begleiten. Themen gibt es viele: Wie gehe ich mit den demografisch-bedingten älteren Belegschaften um? Wie kann die Attraktivität des Betriebs für 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Unternehmen Selbständige \* Privatpersonen 9 13 31 10 33 16 31 20 9 7 16 31 27 38 40 42 29 14 13 24 34 17 24 16 27 8 15 Thür. Dtl. Thür. Dtl. Thür. Dtl. Unternehmen Selbständige Privatpersonen Sonstige Banken Kreditge- nossen- schaften Sparkassen Regional- u. sonstige Kreditbanken Großbanken 0 500 1.000 1.500 0 500 1.000 1.500 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 11.000 12.000 13.000 14.000 15.000 16.000 17.000 18.000 19.000 11.000 12.000 13.000 14.000 15.000 16.000 17.000 18.000 19.000 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Anmeldungen Abmeldungen Thüringen mit sehr niedriger Insolvenzquote Demografie mit negativen Folgen für das Gründungsgeschehen T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 18 Bewerber gesteigert werden? Wo gibt es Flächen zur Expansion? Wie können Ersatz- und Erwei- terungsinvestitionen finanziert werden? Gut, dass es hierfür in Thüringen eine große Bandbreite von Akteuren gibt, die sich immer mehr vernetzen. Auch Banken kommen ihrer Verantwortung nach, wie das expansive Firmenkreditgeschäft in den letzten Jahren zeigt. 5 Konjunktur in Thüringen Wachstum in den letzten fünf Jahren etwa im Bundesdurchschnitt Die wirtschaftliche Entwicklung bestimmt die Investitionstätigkeit. Ebenso können Investitionen gerade auf regionaler Ebene der Grund für Wirtschaftswachstum sein. In einem vergleichsweise kleinen Bundesland wie Thüringen trifft beides gleichermaßen zu. Wie hat sich also die Wirtschaft in Thüringen, Deutschland und in der Eurozone in den vergangenen Jahren entwickelt? 2018 kühlte sich die deutsche Konjunktur ab. Nach zwei Jahren mit Zuwächsen des Bruttoinlands- produkts (BIP) von 2,2 % (real, nicht-kalenderbereinigt) sank die Rate auf 1,4 % spürbar. In der Eurozone verlief die Verlangsamung ähnlich, wenn auch weniger ausgeprägt (2018: 1,8 %). Die Dynamik der Thüringer Wirtschaft war zuvor schon mit 1,4 % (2016) bzw. 1,6 % (2017) niedriger gewesen. Im letzten Jahr reduzierte sich dann das Thüringer BIP-Wachstum auf 0,5 %. Neben dieser kurzfristigen Betrachtung ist es aber wichtig, das Wirtschaftswachstum über einen längeren Zeitraum zu analysieren, zumal viele wichtige Informationen erst mit zeitlicher Verzögerung zur Verfügung stehen, sodass die statistischen Ämter häufig die zuvor veröffentlichten Daten für ein- zelne Jahre korrigieren müssen. Dehnt man den Rückblick auf die letzten fünf (zehn) Jahre aus, betrug die jährliche Wachstumsrate in Thüringen durchschnittlich 1,8 % (1,4 %) und entsprach damit fast dem gesamtdeutschen Wert von 1,9 % (1,3 %). Damit kann das Bundesland auf eine Zeit nachhaltigen Wachstums zurückschauen. 2019: Wachstumsbeschleunigung in Thüringen Überdurchschnittlicher Zuwachs in der Industrie Die Impulse aus den Wirtschaftsbereichen waren im Zeitraum 2014 bis 2018 sehr unterschiedlich:  Das Verarbeitende Gewerbe erwies sich in Thüringen als sehr starker Impulsgeber im Fünfjah- reszeitraum. Hier betrug das durchschnittliche jährliche Wachstum 4,2 %, bei 3,2 % in Deutsch- land insgesamt. 2018 kam es auch hier zu einer konjunkturellen Abschwächung auf 1,7 %, wo- bei der Zuwachs aber immer noch höher war als im gesamtdeutschen Durchschnitt von 1,0 %.  Das thüringische Baugewerbe stagnierte in dem Zeitraum, während bundesweit ein Plus von jährlich 2,2 % zu verbuchen war.  Die öffentlichen/sonstigen Dienstleister blieben in Thüringen mit einem durchschnittlichen Wachstum von 0,9 % unter dem Bundeswert von 1,4 %. In dem staatlich dominierten Bereich war 2018 sogar ein Rückgang zu beobachten.  Auch der Sektor „Handel, Gastgewerbe, Verkehr, Information und Kommunikation“ wies in diesem Zeitraum ein unterdurchschnittliches Wachstum von 1,3 % auf (Deutschland: 2,3 %). Industrie wächst seit 2014 überdurchschnittlich Konjunkturabschwung 2018 T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 19  Der Wertschöpfungszuwachs bei „Finanzierung, Versicherung, Vermietung und Unterneh- mensdienstleister“ übertraf mit 1,3 % den in Deutschland insgesamt (0,9 %), allerdings nur auf- grund der Jahre 2014/2015.  Zusammengefasst wuchs der Dienstleistungssektor inklusive Staat in Thüringen seit 2014 um durchschnittlich 1,1 %, bei einem gesamtdeutschen Durchschnitt von 1,5 %. Industrie mit fulminantem Start 2019 Die Basis für die gute Entwicklung der Thüringer Industrie ist ihre diversifizierte Struktur. Die Me- tallbranche, Elektrotechnik/Optik, Kraftwagen/Kfz-Teile und das Ernährungsgewerbe sind die vier größten Branchen mit Anteilen am Umsatz zwischen 12 % und 18 %. Mit jeweils 9 % bzw. 10 % Umsatzanteil folgen Gummi-/Kunststoffwaren und der Maschinenbau. Diversifizierte Industriestruktur Guter Start im ersten Quartal 2019 Im vergangenen Jahr konnten sich der Maschinenbau, das Holz- und Papiergewerbe sowie die Hersteller von Metallerzeugnissen und die Metallerzeuger mit Umsatzzuwächsen von 11 % und 8 % hervortun. Die Produzenten von Glas, Keramik und Steine/Erden folgten mit einem Plus 6 %. Das Ernährungsgewerbe, Gummi-/Kunststoffwaren und Chemie/Pharma konnten nur kleine Zu- nahmen zwischen 1 % und 2 % verbuchen. Im Bereich Elektrotechnik/Optik stagnierten die Um- sätze und bei Kraftwagen/Kfz-Teile kam es zu einem Minus von 7 %. Insgesamt summierten sich in der Thüringer Industrie die Veränderungen auf ein Umsatzplus von 3,1 %. Mit dieser Steigerung übertraf das Bundesland den deutschen Durchschnitt von 2,3 %. Der Beschäftigungsanstieg in den Thüringer Industriebetrieben lag mit 2,4 % zwar etwas unter dem Bundesdurchschnitt von 2,6 %, jedoch war er höher als im Jahr zuvor. Dies zeigt, dass die Arbeitskräfte sehr effektiv eingesetzt werden, sodass bei einer Ausweitung der Produktion keine Kapazitätspuffer bestehen, sondern zusätzliche Mitarbeiter benötigt werden. Sehr kräftiges Umsatzplus im 1. Quartal 2019 Zufriedenstellendes Auftragsniveau Anfang 2019 Industrie wird von vielen Branchen getragen Leichter Abschwung auch in der Industrie T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 20 Die Umsatzzunahme im ersten Quartal 2019 war mit 5,9 % fulminant und ausgeprägter als in Deutschland mit 1,3 %. Auffällige Anstiege waren in den Branchen Elektrotechnik/Optik und Kraft- wagen/Kfz-Teile zu beobachten. Bei letzter dürfte sicher die Einführung von WLTP (Worldwide harmonized Light Vehicles Test Procedure) eine Rolle spielen, die die Kfz-Produktion 2018 brems- te und nun zu Nachholeffekten führt. Dies trifft in abgeschwächter Form auch auf die Zulieferer aus der Elektrotechnik zu. Die Belegschaften in den Industriebetrieben wurden weiter vergrößert, wo- bei hier das Tempo in Thüringen mit 1,7 % im Vorjahresvergleich und Deutschland mit 1,9 % im Durchschnitt des ersten Quartals etwas nachließ. Wirtschaftswachstum 2019: Mehr Dynamik in Thüringen Für Deutschland erwarten wir für 2019 ein Wirtschaftswachstum von 1 %. Diese Zuwachsrate ist zwar schwächer als im Vorjahr, jedoch dürfte der konjunkturelle Tiefpunkt durchschritten sein. Wesentliche Risikofaktoren bleiben allerdings. So hält die Unsicherheit über den Brexit an und der Handelsstreit der USA mit den großen Exportländern ist weiterhin ein Thema. Zieht man die sehr konjunkturreagible Industrie als Indikator für das Wachstum des BIP heran, dann sollte 2019 in Thüringen mit 0,9 % ein Wirtschaftswachstum nahe am Bundesdurchschnitt möglich sein. Angesichts der schwachen Zuwachsrate von 0,5 % im letzten Jahr nimmt die Dyna- mik somit zu. In der Thüringer Industrie befinden sich die Auftragseingänge nämlich wie saisonal üblich in den ersten drei Monaten des Jahres im Steigflug. Gegenüber dem entsprechenden Vor- jahreszeitraum haben sie zwar etwas an Höhe eingebüßt. Nichtsdestotrotz ist das erreichte Niveau ganz ansehnlich, wenn man berücksichtigt, dass im vierten Quartal 2018 die Aufträge um außer- gewöhnliche 7,4 % gegenüber dem Vorjahr angestiegen waren, während sie bundesweit noch um 3,1 % abnahmen. Insgesamt ist für die Industrie im laufenden Jahr wieder mit einem spürbaren Zuwachs zu rechnen, der höher ausfallen sollte als im Vorjahr. Dies dürfte den schwächeren Impulsen aus den Dienst- leistungsbranchen entgegenwirken, die angesichts der Demografie in weiten Teilen keine über- durchschnittliche Dynamik entwickeln. Beschäftigung weiterhin im Plus Arbeitslosigkeit auf niedrigem Niveau Die Beschäftigungswelle für sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer dürfte 2019 in Thüringen erneut überschritten werden, wie die Zunahme von 0,6 % im ersten Quartal gegenüber dem Vor- jahresquartal signalisiert. Damit bleibt das Bundesland unter der gesamtdeutschen Beschäfti- gungsentwicklung, was sicher auch mit der schwächeren Dienstleistungskonjunktur zu tun hat. Die Arbeitslosenquote betrug im Mai 2019 5,2 % bei einer Abnahme der Erwerbslosenzahl um 5 % gegenüber dem Vorjahr. Damit weist das Bundesland weiterhin die niedrigste Arbeitslosenquote in Ostdeutschland auf und befindet sich auf Platz 7 im Ranking aller Bundesländer. Insgesamt herrscht in acht der sechszehn Bundesländer mit einer Arbeitslosenquote von maximal 5 % Voll- beschäftigung. Starker Start 2019 BIP-Prognose 2019: Deutschland 1 %, Thüringen etwa 0,9 % Vollbeschäftigung in Thüringen T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 21 6 Werteorientierte Bewerbersuche stärkt Innovationskraft Unternehmen sind gut beraten, wenn sie über Konjunkturzyklen hinweg eine nachhaltige Personal- und Investitionspolitik betreiben. Ansonsten stehen sie bei einer wieder anziehenden Konjunktur ohne ausreichende Personal- und Maschinenkapazitäten da. Und innovative Produkte lassen sich auch nicht über Nacht erfinden und zur Marktreife entwickeln. Die Thüringer Hochschulen und renommierten Forschungseinrichtungen stellen der Wirtschaft qualifizierte Absolventen zur Verfügung. In diesem Zusammenhang können Firmen auch gezielt auf Akademiker mit Migrationshintergrund zugehen, die inzwischen vermehrt an den Hochschulen anzutreffen sind. Dem Vorbild der Hochschulen mit einem Anteil von ausländischen Studierenden von fast 16 % sollten die Unternehmen folgen, denn ansonsten laufen sie Gefahr, die „Besten“ für ihre Betriebe zu verpassen. So kommt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zu dem Ergebnis, dass fast 10 % der Erfinder, die an einer Patentanmeldung beim Deutschen Patent- und Markenamt beteiligt waren, ausländischen Wurzeln haben. Dies ist umso erstaunlicher, da der Anteil der Ausländer an den Spezialisten und Experten (nach Definition der Bundesagentur für Arbeit) nur 7 % beträgt. Unterschiedliche Daneben ist es wichtig, auf die Bedürfnisse der Jobeinsteiger einzugehen. Hier zeigen sich zum Teil deutliche Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Studierenden, wie eine Umfrage von Universum Deutschland aufzeigt. Zuvorderst steht bei Frauen und Männern ein attraktives Grundgehalt. Danach nennen Frauen eher weiche Arbeitsfaktoren, wie vielfältige Arbeitsaufgaben, ein freundliches Arbeitsumfeld, eine sichere Anstellung und die Förderung zukünftiger Weiterbil- dung. Männer äußern dagegen andere Punkte: Hohes Einkommen in der Zukunft, Führungskräfte, die ihre Entwicklung fördern, attraktive/interessante Produkte/Dienstleistungen sowie Anerkennung von Leistung. Diese Haltung wirkt sich zudem auf die Karriereziele aus. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Antworten auch von einem tradierten Gender-Verständnis geprägt sind und im Arbeitsalltag nicht eine so große Rolle spielen, sollten sie in Stellenausschreibungen gleicherma- ßen berücksichtigt werden, damit sich möglichst viele Bewerber angesprochen fühlen. Befragt nach ihren Gehaltserwartungen als Berufseinsteiger rechneten Frauen nach dem Studium mit einem niedrigeren Bruttojahresgehalt als Männer. Die Differenzen sind zum Teil sehr ausge- prägt und machen bis zu 15 % aus. Unternehmen dürfte dies bekannt sein – auch in Thüringen. Faire Gehälter zu zahlen, könnte hier den Unterschied im positiven Sinne machen. So würde der Abwanderung gebildeter Frauen entgegengewirkt und das Image der Thüringer Firmen gestärkt. Mit einer werteorientierten Bewerbersuche allen Bevölkerungsgruppen offen zu begegnen wird dem Standort Thüringen guttun und seine Innovationskraft vor Ort dauerhaft steigern.  Nachhaltige Personal- politik trotz Konjunktur- schwankungen Gender-Aspekte berücksichtigen T H Ü R ING E N – INNOVATION VOR ORT 22 Adressen der Landesbank Hessen-Thüringen Hauptsitze Frankfurt am Main Neue Mainzer Straße 52–58 60311 Frankfurt am Main Telefon +49 69/91 32-01 Erfurt Bonifaciusstraße 16 99084 Erfurt Telefon +49 3 61/2 17-71 00 Bausparkasse Landesbausparkasse Hessen-Thüringen Offenbach am Main Strahlenbergerstraße 13 63067 Offenbach am Main Telefon +49 69/91 32-02 Erfurt Bonifaciusstraße 19 99084 Erfurt Telefon + 49 3 61/2 17-70 07 Förderbank Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen Strahlenbergerstraße 11 63067 Offenbach Telefon +49 69/91 32-03 Niederlassungen Düsseldorf Uerdinger Straße 88 40474 Düsseldorf Telefon +49 2 11/3 01 74-0 Kassel Ständeplatz 17 34117 Kassel Telefon +49 5 61/7 06-60 London 3rd Floor 95 Queen Victoria Street London EC4V 4HN Großbritannien Telefon +44 20/73 34-45 00 New York 420, Fifth Avenue New York, N.Y. 10018 USA Telefon +1 212/7 03-52 00 Paris 4-8 rue Daru 75008 Paris Frankreich Telefon +33 1/40 67-77 22 Stockholm Kungsgatan 3, 2nd Floor 111 43 Stockholm Schweden Telefon +46/86 11 01 16 Repräsentanzen Madrid (für Spanien und Portugal) General Castaños, 4 Bajo Dcha. 28004 Madrid Spanien Telefon +34 91/39 11-0 04 Moskau Novinsky Boulevard 8 Business Centre Lotte, 20th Floor 121099 Moskau Russland Telefon +7 495/2 87-03-17 São Paulo 12399 Cjs. 105/106 B Brooklin Novo São Paulo – SP CEP: 04578-000 Telefon + 55 11 / 2924-9756 Shanghai Unit 012, 18th Floor Hang Seng Bank Tower 1000 Lujiazui Ring Road Shanghai, 200120 China Telefon +86 21/68 77 77 08 Singapur One Temasek Avenue #05 – 04 Millenia Tower Sin- gapore, 039192 Telefon + 65 / 62 38 04 00 Helaba Neue Mainzer Straße 52 – 58 60311 Frankfurt am Main T +49 69 / 91 32 - 01 Bonifaciusstraße 16 99084 Erfurt T +49 3 61 / 2 17 - 71 00 www.helaba.de

Internationalisierung der Thüringer Hochschulen kommt voran. Patente und Investitionen auf vergleichsweise hohem Niveau. Wirtschaftswachstum 2019: Mehr Dynamik in Thüringen.
