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title: "Im Fokus Branchen: Chemieindustrie - ein Lebenszeichen aus dem Keller"
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updated: 2026-09-28
keywords: Branchen
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# Im Fokus Branchen: Chemieindustrie - ein Lebenszeichen aus dem Keller

Im Fokus: Branchen 22. Juni 2026 © Helaba | Research | 22. Juni 2026 1 von 5 Helaba Research Chemieindustrie: Ein Lebenszeichen aus dem Keller Ausgerechnet die Sorgenbranche Chemie war zuletzt Outperformer. Hierbei dürfte es sich aber um eine durch den Irankrieg bedingte Momentaufnahme handeln. Die strukturellen Probleme und das Warten auf den dringend benötigten Konjunkturaufschwung in Deutschland halten an. Seit Jahresbeginn wissen die deutschen Industriezahlen nicht so recht wohin. Die Produk- tion zieht nicht an. Die Auftragslage verbesserte sich zwar und die Wende stand vor der Tür, aber mit dem Irankrieg verhinderte der nächste externe Schock eine Konjunkturerholung. Ein Ausreißer sticht jedoch hervor: Ausgerechnet eine der größten Sorgenbranchen, die chemische Industrie, verzeichnete im April das vierte Produktionsplus infolge und auch die Auftragseingänge sowie Umsätze legten zu. Wir analysieren, wie sich diese Entwicklung erklären und ins größere Bild der Branche einfügen lässt. Vorweg: Die jüngsten Zahlen sind zwar auffällig, gleichen die Verluste der letzten Jahre je- doch bei Weitem nicht aus. Zwischen Dezember 2025 und April dieses Jahres stieg die saisonbereinigte Produktion um 5,2 %, der preisbereinigte Umsatz um 6,6 %, getragen von Impulsen aus dem In- und Aus- land. Dennoch lag das Produkti- onsniveau im Dezember 2025 auf einem Dreijahrestief und rund ein Viertel unter dem Vor- krisenjahr 2021. Die Zuwächse in den Kriegsmo- naten März und April waren breit angelegt: Grundstoffe, Anstrichmittel und Agrarchemi- kalien legten gegenüber den Vormonaten zu. Für eine spür- bare Erholung reichte dies je- doch nicht aus, was auch die negativen Vorjahresraten zei- gen. Dennoch dürfte sich die positive Tendenz im Mai und Anfang Juni fortgesetzt haben – eine willkommene Entlastung für die Branche. Adrian Keppler Branchenanalyse T 069/91 32-41 83 adrian.keppler@helaba.de Ein Lebenszeichen aus dem Keller Index: Jan. 2021 = 100, saisonbereinigt Quellen: Macrobond, Helaba Research Spartenübergreifende Verschnaufpause – und trotzdem unter Vorjahr Produktion März/April 2026, gg. Januar/Februar (blau) bzw. gg. März/April 2025 (grau), % Quellen: Macrobond, Helaba Research 3,0 5,8 7,0 -2,7 2,9 -6,4 -4,7 -9,5 -0,7 -5,0 0,7 -1,2 Grundstoffe/ Düngemittel Agrar- chemiekalien Farben/ Anstrichmittel Körperpflege/ Duftstoffe Pyrotechnik/ Klebstoffe/Öle Chemie- fasern gg. Vj. gg. Vm. Im Fokus: Branchen - Chemie © Helaba | Research | 22. Juni 2026 2 von 5 Ausgerechnet die energieintensive Branche profitiert von der Ölkrise Ein kleineres Plus bei Auftragseingängen und Produktion gab es schon Ende 2025, welches konjunkturell bedingt gewesen sein dürfte. Stärkere Zuwächse verzeichnete die Branche im März und April 2026, also mit Beginn des Irankriegs, der auch ursächlich gewesen sein dürfte. Hierbei wirkten eine ganze Reihe mutmaßlicher Faktoren: 1) Eingeschränktes Angebot anderer Nationen durch Lieferkettenstörungen (Lieferfähigkeit) 2) Höhere Preissteigerungen im Ausland (Wettbewerbsfähigkeit) 3) „Hamsterkäufe“ aus Furcht vor weiteren Preissteigerungen und Lieferengpässen (Sondereffekt). Die Verknappung von Vorprodukten aus dem Nahen Osten – etwa Naphtha (Rohbenzin) und Düngemittel – verteu- erte das begrenzte Angebot, sofern überhaupt noch lieferbar, insbesondere für stark abhängige Chemieproduzen- ten in Asien. Ein Blick auf die Exportpreise großer Chemieexporteure wie Südkorea, Japan und China zeigt ent- sprechend stärkere Anstiege als im Westen (vgl. Grafik links). Da die deutschen Importpreise weniger stark zuleg- ten als die Exportpreise, verschlechterten sich in Deutschland die sogenannten Terms of Trade im Chemiesektor, also das Verhältnis von Export- zu Importpreisen. Da zugleich die Importpreise stärker gestiegen sind als die in- ländischen Preise, verbessert dies die Wettbewerbsposition heimischer Anbieter auch im Inland. Das geschrumpfte Preisdifferenzial im deutschen Chemiesektor bietet einen weiteren Vorteil: Da Wettbewerbsver- luste seit 2022 den Preiserhöhungsspielraum begrenzten, ermöglichen die aktuellen Kostenentwicklungen nun erstmals wieder nennenswerte Preisanpassungen, was den Umsatz stützt. Weil die Exportpreise im Ausland stärker stiegen, stellt dies gegenüber anderen Anbietern keinen großen Nachteil dar. Asiens Nahost-Abhängigkeit zeigt sich im Preis Deutsches Chemie-Preisdifferenzial geschrumpt Exportpreisindizes\* Chemie, Februar 2026 = 100 Chemieindustrie Deutschland, Jan. 2019 = 100 \*Je nach Land wird entweder die nationale oder die SITC-Abgrenzung verwendet. Quellen: Macrobond, Helaba Research Quellen: Macrobond, Helaba Research Chemieindustrie räumt Fertigwarenlager Die Erwartungen widersprechen der Lage Chemieindustrie: Index: 2021 = 100 (links) bzw. Anteile\*, % (rechts) Ifo Geschäftsklimaindex, Saldo, saisonbereinigt Quellen: Macrobond, Helaba Research Quellen: Macrobond, Helaba Research Im Fokus: Branchen - Chemie © Helaba | Research | 22. Juni 2026 3 von 5 Die Lieferkettenstörungen gehen aber auch an der deutschen Chemieindustrie nicht spurlos vorbei. Die Geschäfts- lage hat sich durch die kriegsbedingten Sondereffekte zwar zuletzt verbessert (vgl. Grafik S. 2 unten rechts), aber in keinem anderen Sektor stieg der Anteil der über Materialengpässe klagenden Unternehmen im zweiten Quartal derart stark (vgl. Grafik S. 2 unten links). Etwa 30 % der befragten Unternehmen melden Materialengpässe. Nicht zuletzt deshalb haben sich die Geschäftserwartungen massiv eingetrübt. Die deutsche Chemieindustrie hat ins- gesamt aber den „Vorteil“, dass sie durch die Auftragsflaute der letzten Jahre – gezwungenermaßen – ihr Fertig- warenlager aufgestockt hat (vgl. Grafik S. 2 unten links) und dieses zuletzt abbauen konnte. Alles in allem zeigten sich Europas und Deutschlands Lieferkettenstruktur und Verlässlichkeit zuletzt als Vorteil – auch Geopolitik und Geografie sind Standortfaktoren. Genießt den Moment – der (strukturelle) Kater kommt am Morgen danach So erfreulich die jüngste Entwicklung der Chemiebranche ist, so geboten bleibt Vorsicht. Mit den Anzeichen einer Entspannung im Irankonflikt rücken konjunkturelle und strukturelle Probleme wieder in den Vordergrund – und diese bieten wenig Anlass zur Zuversicht. Wie eingangs erwähnt, heben die jüngsten Zuwächse das weiterhin sehr niedrige Produktionsniveau nur leicht. Schon in den 2010er Jahren fehlte nachhaltiges Wachstum; seit dem Ener- giepreisschock 2022 und durch die anhaltende binnenwirtschaftliche Flaute ist die Produktion eingebrochen. Die Kapazitätsauslastung liegt unter 75 %, bleibt damit unrentabel und treibt Verlagerungen ins Ausland. Das zeigt sich in den Beschäfti- gungszahlen: Seit dem Höchst- stand Ende 2022 sank die Zahl der Stellen um rund 20.000 auf etwa 314.000. Zugleich schlägt die allgemein schwache Kon- junktur durch. Die Chemiein- dustrie ist wie kaum eine an- dere Branche vom Konjunktur- verlauf abhängig – Chemie steckt in jedem Produkt. Die ohnehin schwache Inlandsnach- frage wird durch die derzeit in ganz Deutschland schwierigere Beschäftigungslage zusätzlich gedämpft, was die Branche besonders belastet. Auch die Zahl der Unternehmen ist seit 2020 geringer geworden (vgl. Grafik). Dass es sich hierbei nicht nur um Fusionen oder De- registrierungen z.B. aufgrund von Standortverlagerungen, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Probleme han- delt, zeigt die erhöhte Insol- venzquote. Während die chemi- sche Industrie langfristig etwa dem deutschen Industriedurch- schnitt folgte, gab es hier seit 2022 eine Entkopplung nach oben. Ain’t no sunshine when she’s gone Chemische Industrie Deutschland: Beschäftigung (links) bzw. Produktion (rechts), 2021 = 100, sb Quellen: Macrobond, Helaba Research Überdurchschnittliche Insolvenzquote in der chemischen Industrie Anzahl Chemieunternehmen Deutschland (links) bzw. Insolvenzquoten\* (rechts), % \*Anzahl Insolvenzen / Anzahl Unternehmen, saisonbereinigt, gleitende Jahresdurchschnitte Quellen: Feri, Macrobond, Helaba Research 0,2 0,4 0,6 0,8 1 1,2 1,4 1,6 950 1.000 1.050 1.100 1.150 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 2026 Insolvenzquote\* Industrie (rechts) Insolvenzquote\* Chemie Unternehmen Chemie (links) Im Fokus: Branchen - Chemie © Helaba | Research | 22. Juni 2026 4 von 5 Der Chemiesektor schwächelt vor allem in Deutsch- land, weniger international. Das zeigen die Finanz- marktdaten: Die Aktienindizes der Branche entwickeln sich in Europa und weltweit nicht sonderlich dyna- misch, aber bereits seit über zehn Jahren deutlich besser als in Deutschland (vgl. Grafik). Auch die vom Kapitalmarkt wahrgenommenen Risiken im Chemiesektor liegen inzwischen wieder im Rah- men. Infolge des Irankriegs stiegen die Rendite- Spreads der Unternehmensanleihen der Branche zwar (vgl. Grafik unten) – stärker als im Gesamtmarkt. Da- rauf weist die erhöhte Spread Ratio des Sektors ge- genüber dem breiter gefassten Markt hin. Sie lässt auf zeitweise erhöhte sektorspezifische Risiken durch den Irankrieg schließen. Zuletzt ist die Spread Ratio je- doch wieder gesunken und auch die Sektorspreads nähern sich dem Zweijahrestief von Februar 2026. Konjunkturelle Hoffnungen – essenziell, aber nicht ausreichend Was bleibt, wenn sich die struk- turellen Rahmenbedingungen nicht verbessern? Die Konjunk- tur. Dass selbst unter schwieri- gen Wettbewerbsbedingungen zyklische Impulse greifen, zeigte der Jahresbeginn: Zwi- schen November 2025 und Feb- ruar 2026 stiegen die Auftrags- eingänge um 3 %, getragen von einer industrieweit anziehen- den Nachfrage. Bis zum Ausbruch des Irankriegs deutete dies auf einen Aufschwung hin, der auch die Chemiein- dustrie hätte stärken können. Dieser Effekt wurde jedoch nicht nur verschoben, sondern wohl auch gedämpft und zuletzt teilweise durch kriegsbedingte Sondereffekte überlagert. Für 2026 erwarten wir weiterhin lediglich ein Produktionsplus von höchstens 1 %. Grundsätzlich gilt: Konjunktur und gesamtwirtschaftliche Nachfrage sind wichtige, aber keine hinreichenden Be- dingungen für eine nachhaltige Verbesserung in der Branche. Die strukturellen und rentabilitätsbezogenen Nach- teile wiegen gerade in einzelnen Sparten zu schwer. Es wird beides brauchen: Eine deutliche Belebung der In- landsnachfrage und bessere Standortbedingungen. Ansonsten bleibt das langfristige Potenzial – insbesondere in der energieintensiven Grundstoffchemie – begrenzt. In höherwertigen Segmenten sind die Perspektiven zwar günstiger, doch die Branche lebt von engen Verbundeffekten, Spartenvernetzung und somit einem dichten Indust- riecluster – sie ist sich selbst ihr wichtigster Kunde. Marktrisiko des Chemiesektors nimmt wieder ab Corporate Spreads, Basispunkte (links) bzw. Spreads Ratio Chemie/Non-Financials\* (rechts) \*iBoxx-Chemie / iBoxx-Non-Financials Quellen: LSEG, Helaba Research 0,75 0,8 0,85 0,9 0,95 1 1,05 60 70 80 90 100 110 120 06.24 10.24 02.25 06.25 10.25 02.26 06.26 iBoxx-Chemie Spread Ratio Chemie iBoxx-Non-Financials Beginn Irankrieg Deutsche Chemieaktien abgeschlagen Datastream Total Market Indizes Chemie, Indexpunkte Quellen: LSEG, Helaba Research Im Fokus: Branchen - Chemie © Helaba | Research | 22. Juni 2026 5 von 5 Herausgeber und Redaktion Helaba Research Redaktion: Dr. Stefan Mitropoulos Verantwortlich: Dr. Gertrud Rosa Traud Chefvolkswirtin/ Head of Research Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main T +49 69 / 91 32 – 20 24 E-Mail: research@helaba.de Internet: www.helaba.com Disclaimer Die Publikation ist mit größter Sorgfalt be- arbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegenwärtigen und zukünftigen Markt- verhältnissen. Die Angaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Ak- tualität wir aber keine Gewähr übernehmen können. Sämtliche in dieser Publikation ge- troffenen Angaben dienen der Information. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfeh- lung für Anlageentscheidungen verstanden werden. Hier können Sie sich für unsere Newsletter anmelden: news.helaba.de/research/

Die chemische Industrie war in den letzten Monaten der Outperformer: Produktion, Aufträge und Umsatz legten zu. Hierbei handelt sich wohl um durch den Irankrieg ausgelöste Sondereffekte. Mit der Entspannung im Irankonflikt rücken die zwei Hauptsorgen der Branche wieder in den Fokus: Deutschlands Konjunkturschwäche und Standortnachteile.
