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title: "Im Fokus Türkei: Aufschwung in unsicheren Zeiten"
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updated: 2026-10-09
keywords: Länder & Regionen, Länderfokus
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# Im Fokus Türkei: Aufschwung in unsicheren Zeiten

Im Fokus: Länder 16. März 2026 © Helaba | Research &amp; Advisory | 16. März 2026 1 von 4 Research &amp; Advisory Türkei: Aufschwung in unsicheren Zeiten Die Türkei befindet sich wirtschaftlich und geopolitisch in einer komplexen Lage, denn die Kon- junktur hält zwar ihre Dynamik und die Währungsreserven wurden deutlich gestärkt, doch die anhaltend hohe Inflation bleibt ein zentrales Risiko. Mit dem Irankrieg nimmt die Unsicherheit zu, was zusätz- liche Preistreiber mit sich bringen könnte. Damit steht die Frage im Raum, ob das Land den Pfad sinkender Inflation tatsächlich fortsetzen kann. Die türkische Wirtschaft weist seit Jahren eine stabile und robuste Wachstumsdynamik auf und erzielt verlässlich reale Zuwächse im Bereich von rund drei bis sechs Prozent. Getragen wurde das vergangene Jahr vor allem vom starken Binnenkonsum, der das Bruttoinlands- produkt um 3,6 % steigen ließ. Dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen und durch zusätzliche Staatsausgaben vor den nächsten Wahlen erhöhen. Offiziell soll die nächste Präsidentschaftswahl im Mai 2028 stattfinden, doch zunehmend kursieren Spekulationen über einen vorgezogenen Urnengang Ende 2027. Hintergrund ist die verfassungsrechtli- che Begrenzung auf zwei volle Amtszeiten, die ein erneutes Antreten von Recep Tayyip Erdoğan 2028 ausschließen würde. Eine vorzeitige Auflösung des Parlaments könnte den Weg für eine weitere vollständige Amtszeit öffnen. Inflation bleibt hartnäckig Erdoğan vertritt eine vom ökonomischen Mainstream abweichende Sicht, wonach hohe Zinsen Inflation verursachen und Zinsen die „Mutter und Vater allen Übels“ seien – eine Argumentation, die er regelmäßig auch religiös begründet und an das islamische Zinsverbot anlehnt. Konsistent damit griff er wiederholt in die Geldpolitik ein und ersetzte in den vergangenen sieben Jahren fünfmal die Spitze der türkischen Zentralbank. Nach diesen häufigen Wechseln und einer ausufern- den Inflation leitete erst die Ernennung von Hafize Gaye Erkan im Juni 2023 (im Amt bis Februar 2024) eine klare Zinswende ein. Lucas Rauschkolb Länderrating/-analyse T 069 / 91 32 - 39 47 Mehrjähriger Kursverfall Inflation galoppiert weiter durchs Land USD-TRY Leitzins und Inflationsrate, % gg. Vj. Quellen: Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory Quellen: Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory 2024 2025 2026p 2027p BIP, real %gg. Vj. 3,3 3,6 3,5 4,0 Inflationsrate %gg. Vj. 58,4 34,9 23,0 17,0 Arbeitslosenquote % 8,7 8,4 8,8 9,1 Budgetsaldo %des BIP -4,7 -2,9 -3,4 -4,5 Quellen: Macrobond, EIU, Helaba Research &amp; Advisory Im Fokus: Länder – Türkei © Helaba | Research &amp; Advisory | 16. März 2026 2 von 4 Der einwöchige Repo-Satz wurde innerhalb von zehn Monaten von 8,5 % auf 50 % bis März 2024 angehoben. Die straffere Geldpolitik dämpfte die Preissteigerung spürbar, auch wenn sie auf hohem Niveau blieb. Seit September 2024 weist die Türkei damit wieder einen positiven Realzins auf. Ab November 2024 begann die Zentralbank mit schrittweisen Zinssenkungen, die im April 2025 vorübergehend ausgesetzt wurden. Auslöser war die Inhaftie- rung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu am 18. März 2025, die eine Flucht aus der Lira auslöste. Die Notenbank reagierte mit einer außerplanmäßigen Zinserhöhung, stabilisierte die Währung kurzfristig und setzte dann angesichts weiter nachlassender Teuerungsraten ab Juli 2025 den Kurs moderater Zinssenkungen fort. Seither hat die Lira gegenüber dem US‑Dollar weiter an Wert verloren. Zwar dürften steigende Realrenditen den Abwertungsdruck etwas mildern, doch eine nachhaltige Trendwende ist nicht zu erwarten. Die innenpolitische Un- sicherheit belastet das Vertrauen in die Währung ebenso wie die außenpolitische Lage im Nahen Osten. Wir rech- nen daher bis Jahresende mit einem weiteren Rückgang des Wechselkurses gegenüber dem Dollar von rund 10 %. Unter diesen Vorzeichen rücken die geopolitischen Risiken und ihre Folgen für Wechselkurs, Preise und Geldpoli- tik in den Vordergrund. Unmittelbar nach Beginn des Irankriegs setzte die Zentralbank die einwöchigen Repo-Auk- tionen aus und sah am 12. März von einer weiteren Senkung ab. Gleichzeitig untersagte die Kapitalmarktaufsicht vorübergehend Leerverkäufe an der Istanbuler Börse. Der Konflikt könnte die Kapitalzuflüsse verringern, das Han- delsdefizit vergrößern und die Lira zusätzlich schwächen, was den Preisdruck weiter erhöhen würde. Daher haben wir unsere Inflationsprognose für das laufende Jahr um 2 Prozentpunkte auf 23 % angehoben. Die Zentralbank peilt für 2026 eine Inflationsrate von 16 % und für 2027 von 9 % an, bevor ab 2028 das mittel- fristige Ziel von 5 % erreicht werden soll. Wir erwarten zwar weiterhin einen rückläufigen Inflationspfad, die Teue- rung dürfte jedoch vorerst oberhalb der Zielmarken verharren. Dafür spricht insbesondere die in Phasen erhöhter Inflation schwer zu durchbrechende Dynamik einer sich verfestigenden Lohn‑Preis‑Spirale. Mindestlohnplus verpufft unter Preisdruck In der Türkei spielt der gesetzliche Mindestlohn eine deutlich größere Rolle als z.B. in Deutschland, da nur ein kleiner Teil der Beschäftigten tarifgebunden arbeitet. Nach Angaben des Forschungszentrums des Gewerkschafts- bundes DISK‑AR verdienen rund 9,5 Millionen Menschen ein Einkommen nahe am Mindestlohn. Hier zu berück- sichtigen ist, dass die Türkei einen beträchtlichen informellen Sektor besitzt, in dem Löhne teils unterhalb des Mindestniveaus liegen. Selbst höhere Gehälter orientieren sich häufig am Mindestlohn, wodurch dieser für den Großteil der Beschäftigten eine zentrale Bezugsgröße bildet. Zum Jahreswechsel wurde der Mindestlohn um 27 % angeho- ben. Im internationalen Ver- gleich wirkt dieser Schritt zu- nächst entschlossen, relativiert sich jedoch angesichts einer Inflationsrate von rund 35 %. Real sinken die Einkommen zum zweiten Mal in Folge, und für die knapp zehn Millionen Mindestlohnempfängerinnen und -empfänger liegt das Nettoeinkommen inzwischen unter der von TÜRK İŞ1 berechneten Hungergrenze.2 Diese bemisst die Kosten einer gesunden Ernährung für eine vierköpfige Familie in Ankara. Steigende Lebensmittelpreise drängen immer mehr Familien in finanzielle Not, da 1 Türkischer Gewerkschaftsbund 2 Nicht zu verwechseln mit der deutlich höher liegenden Armutsgrenze, die darüber hinaus notwendige Ausgaben für Wohnen, Kleidung und andere Grundbedürfnisse umfasst. Lohnerhöhungen gleichen Preissteigerung nicht vollständig aus TRY, logarithmische Darstellung Quellen: Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory Im Fokus: Länder – Türkei © Helaba | Research &amp; Advisory | 16. März 2026 3 von 4 die Schere zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten weiter aufgeht und der Lebensstandard unter Druck gerät. Finanzminister Mehmet Şimşek wies die daraus resultierende Kritik zurück. Eine dauerhafte Preisstabilität sei die Voraussetzung für eine nachhaltige Stärkung der Kaufkraft, weshalb sich künftige Anpassungen des gesetzlichen Mindestlohns stärker an den Inflationserwartungen der kommenden zwölf Monate orientieren sollten und weni- ger an den aktuellen Zahlen. Reserveaufbau überzeugt Die Türkei hat in den vergangenen Jahren ihre Wäh- rungsreserven deutlich ausgebaut. Der kräftige An- stieg um rund 50 % seit Mai des vergangenen Jahres fand auch bei den großen US-Ratingagenturen Beach- tung: Eine Agentur hob das Länderrating an, eine wei- tere stellte ihren Ausblick auf positiv. Zur verbesser- ten Wahrnehmung trägt inzwischen auch die sinkende Staatsverschuldungsquote von aktuell 24,4 % des BIP bei, was das Vertrauen in die wirtschaftliche Wider- standskraft des Landes stärkt. Der kräftige Zuwachs der Reserven resultiert vor allem aus der deutlichen Wertsteigerung der umfangreichen Goldbestände, die dennoch weiter ausgebaut wurden. Man plant, dies bei günstigen Marktbedingungen fortzusetzen. Mittlerweile entfallen rund zwei Drittel der gesam- ten Reserven auf Gold. Aus dem Regierungsprogramm für die Jahre 2026 bis 2028 geht hervor, dass die Zentralbank die Sicherung der finanziellen Stabilität weiter in den Mittelpunkt stellt. Die Reserven sollen konsequent nach den Kriterien Sicher- heit, Liquidität und Rendite gesteuert werden und damit den eingeschlagenen Konsolidierungskurs absichern. Irankrieg: Verstärker der Energiewende oder der Russlandabhängigkeit? Die Türkei steht angesichts des Krieges im Nahen Osten vor wachsenden sicherheitspolitischen Belastungen. Die 534 km lange Grenze zu Iran bleibt sensibel, was die Abschüsse iranischer Flugkörper durch NATO-Systeme ein- drücklich zeigten. In den kom- menden Monaten dürfte Ankara bemüht sein, ein Übergreifen des Konflikts zu verhindern. Zu- gleich bleibt die Lage an den Grenzübergängen volatil, da wechselnde Einreisebestim- mungen und unvorhersehbare Reisebewegungen Druck auf die Region ausüben. Die Türkei bezieht einen bedeu- tenden Teil ihres Erdgases aus dem Iran, zuletzt rund 17 % der Importe. Angesichts des Krieges wirft diese Abhängigkeit nicht nur mit Blick auf steigende Öl‑ und Gaspreise, sondern auch hinsichtlich der Versorgungssicherheit Fragen auf. Eine Verschärfung der Lage könnte Ankara dazu veranlassen, verstärkt auf fossile Rohstoffe aus Russland zurück- zugreifen. Der Irankrieg könnte Russland in die Karten spielen Anteil der türkischen Erdgasimporte, % Quellen: Eurostat, Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory Starker Anstieg der Reserven Währungsreserven inkl. Goldbestände, Mrd. US-Dollar Quellen: Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory Im Fokus: Länder – Türkei © Helaba | Research &amp; Advisory | 16. März 2026 4 von 4 Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die Türkei in den vergangenen Jahren wichtige Schritte zur Diversifizie- rung der Energieversorgung unternommen hat. Noch in diesem Jahr soll der erste von vier Reaktoren des vom russischen Staatskonzern Rosatom errichteten Akkuyu Kernkraftwerks ans Netz gehen – das erste Atomkraftwerk des Landes. Parallel dazu haben um- fangreiche Investitionen in erneuerbare Energien den Ausbau von Windkraft, Solar und Geothermie be- schleunigt, sodass inzwischen etwa 44 % der Strom- produktion aus regenerativen Quellen stammen. Die- ser Fortschritt stärkt nicht nur die energetische Unab- hängigkeit, sondern verschafft der Türkei auch eine prominente Bühne, wenn im November die UN Klima- konferenz COP31 in Antalya tagt. Herausgeber und Redaktion Helaba Research &amp; Advisory Redaktion: Dr. Stefan Mitropoulos Verantwortlich: Dr. Gertrud Rosa Traud Chefvolkswirtin/ Head of Research &amp; Advisory Neue Mainzer Str. 52-58 60311 Frankfurt am Main T +49 69 / 91 32 – 20 24 Internet: www.helaba.com Disclaimer Die Publikation ist mit größter Sorgfalt be- arbeitet worden. Sie enthält jedoch lediglich unverbindliche Analysen und Prognosen zu den gegenwärtigen und zukünftigen Markt- verhältnissen. Die Angaben beruhen auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Ak- tualität wir aber keine Gewähr übernehmen können. Sämtliche in dieser Publikation ge- troffenen Angaben dienen der Information. Sie dürfen nicht als Angebot oder Empfeh- lung für Anlageentscheidungen verstanden werden. Hier können Sie sich für unsere Newsletter anmelden: https://news.helaba.de/research/ Anhaltender Ausbau der Erneuerbaren Anteil der türkischen Stromerzeugung, % Quellen: Macrobond, Helaba Research &amp; Advisory

Die türkische Wirtschaft wächst weiter robust, steht jedoch vor zunehmenden geopolitischen Belastungen. Hartnäckig hohe Inflation und Währungsschwäche bleiben die zentralen Risiken für Haushalte, Unternehmen und Geldpolitik. Der Irankrieg erhöht den Druck auf Energieversorgung und Sicherheit, während die Türkei ihre Diversifizierung und Energiewende vorantreibt.
