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Laienspiel in ­Washington – die Fortsetzung?

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Am Broadway ist „Hamilton“ derzeit eines der erfolgreichsten Musicals. Es handelt vom Leben Alexander Hamiltons, der als erster US-Finanzminister den heute weltweit größten Markt für Staatsanleihen begründete und damit als Vater des US-Finanzmarktes gilt. Das wiederholte Drama um „government shutdown“, Schuldenobergrenze und einen möglichen partiellen Zahlungsausfall der US-Regierung hätte ihn sicher erstaunt. Überhaupt würde dieser „founding father“ auf den aktuellen Präsidenten wohl entsetzt reagieren. Nur in einem Punkt hätte er mit Donald Trump übereingestimmt: Hamilton war der Meinung, dass die USA ihre „Manufakturen“ mit Zöllen vor ausländischer Konkurrenz schützen solle.

Mit genau einer solchen protektionistischen Politik hat Trump die US-Wirtschaft aber an den Rand einer Rezession gesteuert. Statt dem von ihm versprochenen Boom mit Wachstumsraten von 3%, 4% oder noch mehr, begann ziemlich schnell nach dem unmittelbaren Effekt seiner Steuersenkung Ende 2017 ein Abschwung. Vor allem der von Trump und seiner Regierung  angekündigte Investitionsschub blieb aus. Zuletzt befanden sich die realen Ausrüstungsinvestitionen im Rückwärtsgang. Im Nach­hinein war 2019 ein Jahr, in dem das Szenario vieler Ökonomen für 2017, also für das erste Amtsjahr Trumps, verspätet eintrat. Wie andere auch hatten wir damals mit erheblicher Verunsicherung an den Finanzmärkten und bei Unternehmen gerechnet, nicht zuletzt wegen seiner Attacken auf die weltweit wichtigste bilaterale Handelsbeziehung, jene zwischen den USA und China.

Nun grassieren Rezessionsängste. Richtig ist, dass in vergangenen Zyklen die 2%-Marke so etwas wie eine „magische Grenze“ war: Wenn das Wachstum darunter fiel, verlor die Wirtschaft den Auftrieb und schmierte in eine Rezession ab. Dies war aber in Zeiten eines höheren Trendwachstums. Vor der Finanzkrise war der Trend bei 2,5% bis 3,5%. Heute ist 2% die neue Normalität und kein Anlass zur Panik. Aktuell dürfte die Schwelle, ab der die Alarm glocken klingeln sollten („stall speed“), bei rund 1% liegen. Davon werden wir auch 2020 deutlich entfernt sein. Im Jahresdurchschnitt sollte der Zuwachs des realen Bruttoinlandsproduktes bei 2% liegen, nach 2,3% im Jahr 2019.

„Our economy is the envy of the world. Perhaps the greatest economy we’ve had in the history of our country.“

Donald Trump, US-Präsident

Verglichen mit Deutschland und China sind die USA in diesem Minizyklus ein Nachzügler. Der  Abschwung setzte dank des finanzpolitischen Stimulus von Anfang 2018 deutlich später ein. Auch die Erholung wird wohl etwas schleppender ausfallen.

Zwar ist die US-Wirtschaft, verglichen mit den beiden anderen Ländern, eher geschlossen. Aber die  negativen Einflüsse der Politik gehen hier über den Handelsstreit mit China und der EU hinaus. So ist für US-Unternehmen vor allem die Zukunft der Nordamerikanischen Freihandelszone von enormer  Bedeutung. Hier ist kein Ende der Unsicherheit absehbar: Im Kongress hat der von Trump ausgehandelte Nachfolgevertrag derzeit kaum Chancen. Die plötzliche Androhung Trumps im Sommer 2019, alle mexikanischen Waren mit Strafzöllen zu belegen, wenn Mexiko sich in der  Einwanderungs­politik nicht gefügig zeigt, stellt den Wert der Abmachung grundsätzlich in Frage. Im Herbst war aus dem Weißen Haus zu hören, dass man wohl ernsthaft über direkte Vorgaben für die Automobilindustrie nachdenkt, wo die Fertigung stattzufinden hat.

Erholung trotz Trump

Vor diesem Hintergrund rechnen wir auf kurze Sicht nicht mit deutlich höheren Wachstumsraten. Die Rezessionsängste sollten sich aber verflüchtigen, wenn die Frühindikatoren nach oben drehen und das Wachstum im Bereich 1,5% bis 2% bleibt. Da das Verhältnis mit China und die Lage im  Außenhandel trotz der unterstellten gewissen Entspannung nicht wieder an die Zeit vor 2018 anknüpfen werden, sind kräftige Konjunkturimpulse von dieser Seite für die USA unwahrscheinlich. Die US-Konjunktur sollte aber 2020 zunehmend von der geldpolitischen Lockerung des Vorjahres profitieren.

Von der Fiskalpolitik erwarten wir hingegen kaum Impulse. Der Wahlkampf wird eine für größere Maßnahmen erforderliche Kooperation der Demokraten mit Donald Trump praktisch unmöglich  machen. Schon jetzt ist das Verhältnis zwischen der demokratischen Führung im Kongress und dem US-Präsidenten so schlecht wie selten zuvor. Mit dem 2019 getroffenen Haushaltskompromiss entfällt zwar die eigentlich für 2020 vorgesehene automatische Konsolidierung. Dies hat aber den negativen Effekt, dass das Haushaltsdefizit mit über 5% am BIP erneut sehr hoch ausfällt – und dies vor dem Hintergrund einer sowieso schon historisch hohen Schuldenlast sowie kommender erheblicher demografischer Belastungen für die Sozialsysteme.

Inflation im grünen Bereich

Selbst mit „Hilfe“ der gestiegenen Einfuhrzölle auf viele chinesische Güter ist die Teuerung nicht nach oben ausgebrochen. Das verhaltene Niveau des Ölpreises dämpft. Wir erwarten, dass die Verbraucherpreise 2020 insgesamt um rund 2% steigen. Die Kernrate sollte angesichts der  unvermindert hohen Auslastung des Arbeitsmarktes und der noch zu erwartenden verzögerten Wirkung der Strafzölle über der Gesamtrate liegen. Auch wenn wir für 2020 eher wieder mit  niedrigeren Durchschnittszöllen im Verhältnis zu China rechnen, dürfte der Anpassungsprozess – auch bei der inländischen Konkurrenz – noch eine Weile andauern. Die Kernrate sollte sich zunächst bei rund 2,5% halten, bevor sie im späteren Jahresverlauf etwas nachgibt.

US-Notenbank in Wartestellung

Die Fed hat auf die konjunkturelle Abkühlung bereits im Laufe des Jahres 2019 reagiert. Der Abbruch des geldpolitischen Normalisierungsprozesses Anfang 2019 stellte sich im Nachhinein als richtig heraus – weil die US-Regierung entgegen den allgemeinen Erwartungen den Konflikt mit China  tatsächlich so lange eskalierte, bis er drohte, die Konjunktur entgleisen zu lassen. Die drei  Zinssenkungen in der zweiten Jahreshälfte 2019 wurden als „Risikomanagement“ verkauft, verbunden mit der Aussage, dass es ja eigentlich gar nicht so schlecht aussähe. Dieser Kommunikationsspagat hat der Glaubwürdigkeit der Fed ebenso wenig geholfen wie die ständigen verbalen Attacken aus dem Weißen Haus. Zudem muss sich die Fed mit der Kritik auseinandersetzen, dass es erst ihr  geldpolitischer Kurswechsel war, der über positive Impulse für die Finanzmärkte dem US-Präsidenten den Spielraum für seine immer weiter getriebene Konfrontation mit China eröffnete.

Im Jahr 2020 dürfte die Fed den Leitzins nicht verändern. Die konjunkturelle Stabilisierung und anschließende  Erholung sollte kurzfristig weitergehende Zinssenkungserwartungen vom Tisch nehmen. Für einen neuerlichen Kurswechsel dürften weder Realwirtschaft noch Inflation Argumente liefern.

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