Großbritannien

Nächster Akt im Brexit-Drama

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Die politischen Wirren um den EU-Austritt haben Großbritannien im Griff. Die Konjunktur leidet zwar darunter, bricht aber nicht ein. Mit einer geordneten, dauerhaften Brexit-Lösung werden sich die wirtschaftlichen Perspektiven allmählich wieder aufhellen.

Wer führt im großen Brexit-Drama Regie? Ist es Shakespeare oder eher Monty Python? Ist es eine Tragödie oder eine Komödie? Das Publikum erhält Zugaben, auf die es wohl lieber verzichten würde. Zumindest könnte sich der erste Akt tatsächlich dem Ende zuneigen. Ein neues Austrittsabkommen zwischen der EU und der britischen Regierung steht zur Abstimmung bereit, nur das britische Unterhaus ziert sich noch und wartet auf Neuwahlen. 

Premierminister Johnson hat realistische Chancen, dass seine Konservative Partei die Unterhaus­wahlen gewinnt. In diesem Fall wird er voraussichtlich seinen eigenen Deal durch das Parlament bringen. Sollte Johnson die Mehrheit bei der Wahl verfehlen, könnte das Parlament gelähmt bleiben: Von weiteren Fristverlängerungen, einem Deal oder einem ungeordneten Austritt wäre nichts auszuschließen. Den Brexit grundsätzlich in Frage stellen würde nur ein Wahlsieg der Opposition, der aber weniger wahrscheinlich ist. Diese könnte dann ein zweites Referendum beschließen.

„Ich habe meine Katze ‚Brexit‘ getauft. Sie weckt mich mit höllischem Miauen auf, weil sie raus will. Aber sobald ich die Tür öffne, bleibt sie unentschlossen sitzen und wirft mir einen düsteren Blick zu, wenn ich sie hinaussetze.“

Nathalie Loiseau, französische Ministerin für europäische Angelegenheiten

Zukünftiges Verhältnis

Wenn der EU-Austritt – mutmaßlich am 31. Januar – vollzogen wird, ist das Thema keinesfalls erledigt. Denn während der anschließenden Übergangsphase sollen die Modalitäten für das zukünftige Verhältnis der Briten zur EU ausgehandelt werden. Eine konservative Regierung präferiert – anders als die Oppositionsparteien – ein Freihandelsabkommen mit einer eher lockeren Bindung an die EU. Die Briten könnten dann eigene Handelsverträge abschließen. Unterschiedliche regulatorische Standards bzw. Zölle würden jedoch vermehrt Grenzkontrollen erfordern. Die Verhandlungen werden sich als schwierig erweisen, so dass die Übergangsphase vermutlich über 2020 hinaus verlängert werden muss. Ohne ein Abkommen oder eine Fristverlängerung würde erneut die Umstellung des EU-Handels auf WTO-Basis drohen.

Zähes Wachstum

Gemessen am politischen Chaos schlägt sich die Konjunktur wacker. Das Wachstum hat zwar seit dem EU-Referendum deutlich nachgelassen, die befürchtete Rezession ist aber ausgeblieben. Ohne die Brexit-Unsicherheiten hätte die britische Wirtschaft dennoch zweifellos stärker zugelegt.

Am deutlichsten schlägt sich der Brexit bei den Investitionen nieder, die seit 2016 nur geringfügig gewachsen sind – anders als in der Eurozone. Das magere Wachstum wurde vor allem vom Wohnungsbau getragen, die Ausrüstungsinvestitionen stagnierten. Da nach einem geordneten EU-Austritt noch Unsicherheiten über das zukünftige Verhältnis bestehen, bleiben die Unternehmen vorerst gehemmt. Erst sehr allmählich bzw. mit wachsendem Nachholbedarf wird sich die Investitionsbereitschaft steigern.

Der private Konsum hat sich ebenfalls verlangsamt, stützt aber insgesamt das Wachstum. Der sehr solide Arbeitsmarkt inklusive steigender Löhne hebt die  Einkommen. Der Staat hat wieder mehr Spielraum und wird diesen wohl einsetzen. Die  Exportaussichten werden sich leicht aufhellen. Insgesamt dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2020 mit 1,0 % etwas weniger als 2019 (1,3 %) wachsen. Immerhin wird sich die konjunkturelle Dynamik im Jahresverlauf verbessern.

Bank of England wartet ab

Die Inflation dürfte sich etwas unterhalb der Marke von 2 % bewegen. Der enge Arbeitsmarkt und die deutlichen Lohnzuwächse halten die Teuerung vergleichsweise hoch. Die Bank of England dürfte dennoch ihre abwartende Haltung 2020 beibehalten und den Leitzins bei 0,75 % belassen. Schließlich sprechen das mäßige Wachstum sowie die noch nicht überwundenen politischen Unsicherheiten dafür.

Das Pfund Sterling könnte von den – im Vergleich zu Fed und EZB – stabilen Zinsen profitieren und gegenüber dem Euro und vor allem dem US-Dollar aufwerten, wenn die Politik mitspielt.

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