Polen, Tschechien, Ungarn

Die Spannung steigt

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Nach einer Phase sehr dynamischen Wachstums wird es 2020 interessant: Können Polen, Tschechien und Ungarn weiterhin oberhalb des EU-Levels zulegen? Inwieweit werden sie von der jüngsten Schwäche in der EU und den Problemen in der Automobilbranche beeinträchtigt? Auch politisch steigt die Spannung, zumal die Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen für 2021 bis 2027 in die heiße Phase gehen.

Politik am Puls der Wählerschaft

In den drei Ländern wird die Inlandsnachfrage die zentrale Rolle für das Wirtschaftswachstum spielen. Dafür greifen die Regierungen zum Teil tief in die öffentlichen Taschen: Ungarn stellt umfangreiche Beihilfen für Familien bereit und beteiligt sich am Haus- und Autokauf. Polen hat das Familienprogramm 500+ nochmals ausgeweitet. Ebenso wie mit den geplanten Extras für Rentner werden damit Wahlversprechen eingelöst. In Tschechien, wo 2021 gewählt wird, steigen unter  anderem die Renten, das Elterngeld und die Gehälter im öffentlichen Dienst. Die noch immer engen Arbeitsmärkte werden durch Zuwanderung nur wenig entlastet. Wiederholte kräftige Lohn­steiger­ungen und Maßnahmen wie die Lohnsteuerbefreiung junger Arbeitnehmer in Polen wirken dem Trend zur Abwanderung entgegen. Zusätzlich begünstigt der Fachkräftemangel Investitionen, die durch eine stärkere Automatisierung Personal einsparen helfen.

Neueste Technologien als Chance

Gleichzeitig profitieren die drei zentralosteuropäischen Länder davon, dass die Industrie aktuellste technische Entwicklungen zum Einsatz bringt, wie eine Full-Flex-Produktionsstätte in Ungarn oder ein CO2-neutrales Motorenwerk in Polen. Mit Unternehmenssteuern deutlich unterhalb des deutschen Levels und öffentlichen Zuschüssen wird Investoren der rote Teppich ausgerollt.

Der Fachkräftemangel begünstigt Investitionen, die durch eine stärkere Automatisierung Personal einsparen helfen.

Die Produktivität in Polen, aber auch in Tschechien und Ungarn macht gegenüber Deutschland und der EU markante Fortschritte, auch wenn absolut gesehen noch Aufholbedarf besteht und die Lohn­entwicklung das Bild relativiert.

Expansive Politik stützt

Nach den großzügigen Wahlgeschenken für Familien und Senioren ist angesichts der im Mai 2020 anstehenden Präsidentschaftswahl ein Kurswechsel in Polen nicht zu erwarten. Auch in Ungarn und in Tschechien dürften Wachstums- vor Sparzielen Priorität haben. Die Geldpolitik bleibt in Polen und Ungarn expansiv, während die tschechische Notenbank seit 2017 mehrfach den Leitzins angehoben hat und mittlerweile auf einem im Vergleich zur Eurozone hohen Niveau von 2% angekommen ist.

Die Zentralbanken sind in der Zwickmühle, einerseits dem internationalen Niedrigzinstrend zu folgen, schon um eine Aufwertung zu vermeiden, die die Exporte gefährden könnte. Andererseits bewegt sich die Inflation in allen drei Ländern nahe, teils oberhalb der jeweiligen Inflationsziele. Die wahrscheinlichste Variante ist daher „wait and see“. Vor diesem Hintergrund werden insbesondere Forint und Zloty volatil bleiben, während der höhere Leitzins die tschechische Krone stabilisiert.

Auch wenn Polen, Tschechien und Ungarn 2020 weiter oberhalb des EU-Durchschnitts wachsen, sollte dies nicht über ungelöste Probleme hinwegtäuschen: Weder wurden im Boom tragfähige Lösungs­ansätze für die Demografieprobleme und den Fachkräftemangel entwickelt, noch lassen die Wahlausgänge in Polen und Ungarn auf Fortschritte beim Thema Rechtsstaatlichkeit hoffen. Ob die EU hier nach Klärung der Brexit-Modalitäten noch Langmut beweist, wird sich u. a. daran zeigen, wie die Auszahlungsbedingungen für EU-Fördermittel künftig gestaltet werden. Nicht nur in den betroffenen Ländern ist man gespannt.

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