Deutschland

Happy End mit offenen Fragen

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Deutschland steht vor einer zyklischen Erholung. Sie dürfte allerdings aufgrund struktureller Probleme nur moderat ausfallen. In den letzten Jahren wurden notwendige Reformen nur zögerlich angegangen. Die Wettbewerbsfähigkeit leidet.

Das deutsche Wirtschaftswachstum wird 2020 mit voraussichtlich kalenderbereinigt 1,0% fast doppelt so hoch ausfallen wie 2019. Da das Jahr vier Arbeitstage mehr aufweist, liegt das tatsächliche Wirtschaftswachstum mit 1,4% sogar noch höher. Der Gegenwind für die hierzulande wichtige Industrie sollte wegfallen. Die jüngsten Frühindikatoren stimmen hoffnungsvoll.

Die Industrie spielt wieder mit.

Zu einem starken Aufschwung des Verarbeitenden Gewerbes wird es allerdings nicht kommen. Die Verunsicherung aufgrund des Zollstreits der USA mit China und mit Europa wird den Warenverkehr und die Investitionen weiterhin belasten. Das Brexit-Drama ist immer noch nicht beendet. Nach einer langen Vorstellung mit offenem Ausgang sind die Chancen auf ein Happy End allerdings gestiegen. Eine Normalität im Handel mit Großbritannien wäre wichtig: In das Land gehen zwar nur noch 6% der deutschen Ausfuhren, gemessen am Ausfuhrüberschuss ist es allerdings knapp ein Fünftel.

Wettbewerbsfähigkeit in den Blick nehmen

Die Industrie ist mit Schwierigkeiten in der für Deutschland wichtigen Automobilindustrie konfrontiert. Die Branche steht für nahezu ein Viertel des Umsatzes im Verarbeitenden Gewerbe.

Sie leidet nicht nur an einer schwachen Nachfrage und den Handelsstreitigkeiten, sondern zugleich unter dem strukturellen Wandel weg vom Verbrennungsmotor. Aufgrund ihrer hohen Wett­bewerbs­fähigkeit hat sie aber gute Chancen, diese Veränderungen erfolgreich zu gestalten.

In den vergangenen Jahren sind die Lohnstückkosten in Deutschland erheblich stärker gestiegen als bei europäischen Konkurrenten. Deutlichen Lohnsteigerungen stand eine kaum zunehmende  Beschäftigtenproduktivität gegenüber. Zudem hat die Wirtschaftspolitik zu wenig getan, um die Qualität des Standorts zu verbessern. Hier besteht Nachholbedarf. So würde die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlags gerade auch kleine und mittlere Unternehmen entlasten. Ein „altes“ Problem sind die im internationalen Vergleich viel zu hohen Strompreise. Der Kohleausstieg dürfte dies noch verschärfen. Die im Klimapaket beschlossene Senkung der EEG-Umlage ab 2021 ist hier kaum ausreichend. Der Ausbau schneller Mobilfunknetze kommt zu langsam voran und bremst damit das Wachstum.

Konsum und Bautätigkeit wachsen lebhaft

Die deutsche Fiskalpolitik bleibt mit einem Impuls von etwa 0,5 Prozentpunkten des Bruttoin­landsprodukts leicht expansiv. Erneut werden Grund- und Kinderfreibetrag angehoben und die Tarifeckwerte bei der Einkommensteuer verschoben. Sowohl investive Maßnahmen, z. B. für den Digitalpakt oder den Breitbandausbau, als auch das im September beschlossene Klimapaket führen zu positiven Effekten.

Diese Maßnahmen stimulieren auch den Konsum, der 2020 mit real rund 1,5% erneut überdurch­schnittlich expandieren dürfte. Obwohl sich die Frühindikatoren des Arbeitsmarkts eingetrübt haben, wird die Beschäftigung noch leicht zulegen. Während es im Verarbeitenden Gewerbe im Jahres­durch­schnitt 2020 zu einem leichten Stellenabbau kommt, dürften die Wirtschaftszweige öffentliche Verwaltung, Erziehung und Unterricht, Gesundheitswesen sowie Heime und Sozialwesen für einen weiteren Zuwachs sorgen.

Die Tariflohnerhöhungen, die 2019 etwa 3% betrugen, dürften 2020 etwas schwächer ausfallen. Allerdings wird es Mitte des Jahres zu einer erneut starken Rentenerhöhung kommen. Den deutlichen Einkommenssteigerungen steht 2020 weiterhin eine nur moderate Inflationsrate von 1,6% gegenüber, so dass den Verbrauchern real mehr in der Tasche verbleibt. Die Sparquote dürfte auf dem Niveau des Vorjahres verharren.

Die jüngsten Beschlüsse zur energetischen Sanierung dürften die Nachfrage im Baugewerbe zusätzlich befeuern.

Eine sichere Bank für die deutsche Konjunktur bleibt die Bautätigkeit. Die Investitionen in diesem Bereich dürften nach 2,5% 2020 nochmals um 2,7% zulegen. Dabei wird der Neubau an Fahrt verlieren, während der Ausbau dynamischer zulegt. Die Wohnungs­baugenehmi­gungen waren 2019 sogar rückläufig. Verantwortlich hierfür dürfte der Mangel an geeigneten Baugrundstücken, Personalmangel in den Behörden sowie die zunehmend negativ wirkende Wohnungspolitik sein.

Außergewöhnlich förderlich bleiben die Finanzierungsbedingungen, während es aufgrund der hohen Kapazitätsauslastung in allen Bausparten zu deutlichen Preissteigerungen kommt. Die Auftrags­bestände im Wohnungsbau sind auf einem hohen Stand und die Auftragseingänge zweistellig gewachsen.

Die nach wie vor günstige Einnahmesituation der Gebietskörperschaften, auch der für den Bau  wichtigen Kommunen, lassen die öffentlichen Bauinvestitionen weiter wachsen. In den kommenden Jahren stehen zudem zusätzliche Mittel, z. B. aus dem Kommunal­investitions­förderungsfonds, zur Verfügung. Am wenigsten dynamisch dürfte 2020 der gewerbliche Bau expandieren. Impulse bekommt diese Sparte von den Investitionsplänen der Deutschen Bahn sowie vom Breitbandausbau.

Investitionsklima verbessert sich

Die Investitionszurückhaltung der Unternehmen zeigt sich bei den Ausrüstungen, die 2019 deutlich an Fahrt verloren haben. Im Umfeld von Handelsstreitigkeiten und Brexit sind exportorientierte Unternehmen vorsichtig. Die industrielle Kapazitätsauslastung ist bis zuletzt gesunken. 2020 sollte die Trendwende der weltweiten Industriekonjunktur zu einer allmählichen Belebung der Investitions­tätigkeit im Inland führen.

Der Außenbeitrag belastet 2019 das Wirtschaftswachstum, da die Importe mit schätzungsweise 2,5% deutlich stärker zulegen als die Exporte mit 1,0%. Bei  insgesamt günstigerer globaler Konjunktur dürfte 2020 die Bremswirkung des Außenhandels wegfallen. Die Exporte nach Großbritannien sind wegen Lagerschwankungen und Brexit-Unsicherheit 2019 um rund 4% gesunken. Kommt es 2020 zum geregelten Brexit, dürften die Ausfuhren wieder zunehmen.

Trotz der Zollstreitigkeiten ist 2019 mehr in das für Deutschland wichtigste Abnahmeland USA exportiert worden. Sollten die immer wieder angedrohten Automobilzölle nicht in Kraft treten, dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen. Deutsche Produkte sind dort weiterhin gefragt. Da sich die Konjunktur in der Eurozone erholt, dürften die deutschen Exporteure 2020 auch in diesem wichtigen „Heimatmarkt“ mehr verkaufen können.

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