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„Theater wird erst wirklich, wenn das Publikum innerlich mitspielt.“

Hermann Bahr (1863 – 1934)

Diese Feststellung über das Theater ist Ansporn und Drohung zugleich. Derzeit spielen sich manche Parteien und Staatsoberhäupter gekonnt in den Vordergrund. Viele Zuschauer sind ergriffen und zeigen ihre Begeisterung an der Wahlurne. Andere Akteure können dagegen mit ihrer Political Correctness auf der Bühne nur schwer bestehen.

Wird die Schauspieltruppe letztlich doch Einsicht zumindest in das Notwendige zeigen? Dies wäre die Voraussetzung, damit das Melodram erträglich ausgeht.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wer leitet die große weltwirtschaftliche Aufführung 2020? Ist es Shakespeare, Molière, Brecht oder übernehmen die Haupt­darsteller auch die Regie? Ist es eine Tragödie, eine Komödie oder doch eher ein Melodram?

Das Melodram hält Einzug in die Politik

Seit dem Brexit-Referendum und dem Wahlsieg von Donald Trump 2016 beherrscht die Politik die Kapitalmärkte. Bis dahin konnte sich kaum jemand vorstellen, dass ein Land die EU verlassen oder sich zwischen den großen Nationen eine Zollerhöhungsspirale drehen würde.

Aber nicht nur die Themen sind neu, sondern auch der Politikstil. So wird mit allen Mitteln des Melodrams gearbeitet: Die  Hauptdarsteller teilen ungehemmt ihre Einstellungen, Gefühle und Befindlichkeiten mit dem weltweiten Publikum in unzähligen Tweets. Dabei reicht das verbale Spektrum von überbordender Euphorie über spontane Meinungsäußerungen bis zu Hasstiraden. Damit polarisieren und emotionalisieren die Protagonisten gezielt Themen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Bekannte Hauptdarsteller

Inzwischen befinden wir uns im dritten Jahr dieses Melodrams. Ängste grassieren, dass das Abgleiten in die Tragödie kurz bevorsteht. Umso spannender ist die nächste Spielzeit. Die Hauptdarsteller sind weitgehend bekannt. Wie in der letzten Saison wird der große Blonde jenseits des Atlantiks die männliche Hauptrolle einnehmen. Voraussichtlich wird sein Pendant in London ebenfalls wieder eine tragende Rolle spielen. Aber welches Stück wird aufgeführt?

Wünschen würde ich mir eine Komödie. Auch wenn sie die menschlichen Schwächen zum Thema hat, lernt man, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen – zum Nutzen aller. Wahrscheinlicher ist aber, dass der vierte Akt des laufenden Melodrams aufgeführt wird.

Eine Frau dirigiert

Zu einem Melodram gehört häufig Musik. Erstmals hält eine Frau den Dirigentenstab der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Hand. Ob die neue Chefin Christine Lagarde den geldpolitischen Kurs von Mario Draghi ändert, ist eher eine perspektivische Frage. Kurzfristig wird sie kaum von seiner Partitur abweichen. Sie wird jedoch den Taktstock ganz anders führen als ihr Vorgänger.

Die zunehmende Zerrissenheit innerhalb des Orchesters, also im EZB-Rat, hat zu Missklängen geführt, die nicht nur die Darsteller, sondern auch die Zuschauer irritieren. Fingerspitzengefühl ist gefragt, um die Empfindlichkeiten der einzelnen Gruppen im höchsten EZB-Entscheidungsgremium einzufangen.

„Das Mandat erfüllen und sicherstellen, dass das Team funktioniert und zusammenhält.“

Christine Lagarde, gefragt nach ihren Hauptaufgaben bei der EZB
(Die Zeit, 07.11.2019)

Wichtige Neubesetzungen

War 2019 in der EU das Jahr der Castings und der Rollenverteilung, wartet die gespannte Weltöffentlichkeit nun auf die angekündigten Aufführungen. Die Neubesetzung der EU-Kommissare im November und der voraussichtliche Amtsantritt der neuen Kommission im Dezember – mit Ursula von der Leyen auch unter der Führung einer Frau – schaffen die Rahmenbedingungen dafür, dass sich die EU-Institutionen wieder stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können.

Obwohl einiges in der EU länger auf sich warten lässt, bleibt das Publikum der Companie durchaus gewogen: Im jüngsten Eurobarometer gaben 45% der befragten EU-Bürger an, ein eher positives Bild von der EU zu haben, Tendenz steigend. Dabei vertrauen sogar mehr Befragte der EU als der eigenen Regierung.

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry, „Der kleine Prinz“

Vieles von dem, was auf europäischer Ebene passiert, ist für das Publikum nicht unmittelbar sichtbar – genauso wie im Theater die Technik, die jedoch für die Aufführung unerlässlich ist. Gleiches gilt für den Internationalen Währungsfonds, der eher im Hintergrund die Fäden zieht. Auch diese Aufgabe bleibt mit Kristalina Georgiewa in den Händen einer Frau.

Glimpflicher Ausgang im Melodram

Die Verstrickung von Darstellern und Regisseur erzeugt den Spannungsbogen im Melodram 2020. Jegliches Ereignis wird für das Publikum ausgeschmückt zelebriert – immer mit dem Versuch, die einen zu erhöhen, um gleichzeitig die anderen zu erniedrigen.

Wesentlich für dieses Theatergenre ist aber im Gegensatz zur Tragödie, dass das Stück ein gutes Ende nehmen kann. Dazu müssen die Protagonisten Einsicht in das Notwendige zeigen. Hier stellt sich die rettende Wendung ein: Denn weder der US-Hauptdarsteller noch sein Widersacher aus China haben letztlich einen Anreiz, den Handelskonflikt so eskalieren zu lassen, dass damit die Weltkonjunktur gegen die Wand fährt. Mit der Entspannung im Handelskrieg sowie einer geordneten, dauerhaften Brexit-Lösung werden sich die wirtschaftlichen Perspektiven weltweit wieder aufhellen.

Bühne frei für die Assetklassen

Das Stück steht fest, die Rollen sind verteilt, die Instrumente gestimmt, Technik, Kulissen und Schnürboden vorbereitet. Hinter und vor den Kulissen herrscht rege Betriebsamkeit. Die Theaterkritiker bringen sich in Stellung. Nun stellt sich die Frage: Wer performt wie? Aktien und Renten hatten schon 2019 ihren großen Auftritt. Bei ihnen ist das Ertragspotenzial 2020 überschaubar.

Allerdings kann es zeitweilig zu Übertreibungen bei Aktien kommen, weil der Mangel an Anlagealternativen grundsätzlich anhält. Dieses Setting sorgt auch für die unverändert große  Beliebtheit von Immobilien beim Anleger-Publikum. Gold glänzt im Rampenlicht. Sowohl Geld- als auch Fiskalpolitik sind die maßgeblichen Akteure, die dem Edelmetall das Revival ins nächste Jahr verlängern.

Auch für Präsident Trump hält das Melodram etwas bereit. Wünscht er sich doch einen schwachen  US-Dollar, um die Exportwirtschaft zu stärken. Hier besteht Hoffnung: 2020 dürfte die US-Währung gegenüber dem Euro abwerten.

Schon Heinrich Heine (1797 – 1856) arbeitete mit verschiedenen Szenarien:

"Liebe ist in Frankreich eine Komödie, in England eine Tragödie, in Italien eine Oper und in Deutschland ein Melodram.“

Negatives Alternativszenario: Tragödie

In unserem negativen Alternativszenario geht es in der Weltwirtschaft zu wie in einer klassischen Tragödie. Die vorherrschenden Konflikte entwickeln eine Eigendynamik und führen zu einer globalen Rezession. Dabei durchlaufen die Hauptfiguren schicksalhafte Entwicklungen. Großbritannien versinkt mit seinen Brexit-Protagonisten vollkommen im politischen Chaos. Weitere Versuche des US-amerikanischen Hauptdarstellers, seinen Kopf zu retten, könnten vom Handelskrieg in den Währungskrieg münden und eine Spirale von Abwertungen und zusätzlichen Handelsbarrieren mit sich bringen.

Positives Alternativszenario: Komödie

Wie in einer Komödie dominiert in unserem positiven Alternativszenario eine heitere Grundstimmung. Die Störmanöver der beiden großen blonden Hauptdarsteller ebben ab und führen zu einem glücklichen Ende. Die teilweise skurrilen Persönlichkeitszüge einiger Darsteller werden nicht mehr als Belastung wahrgenommen, sondern münden in eine kooperative Zusammenarbeit der Nationen. Die Weltwirtschaft nimmt wieder richtig Fahrt auf und die Aktienmärkte applaudieren.

Als Abonnent /in unseres Spielplans 2020 wünsche ich Ihnen anregende Einsichten!

Ihre

Chefvolkswirtin / Leitung Research

Dr. Gertrud R. Traud
Chefvolkswirtin und Bereichsleitung Research
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Vorhang Auf! Melodram - nächster Akt

Hauptszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 70%

Tragödie

Negativszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 10%

Komödie

Positivszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 20%

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