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Polen, Tschechien, Ungarn

Fachkräftemangel allerorts

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Zentralosteuropa ist eine der dynamischsten Regionen in der EU. Für 2019 zeichnet sich jedoch in Polen, Tschechien und Ungarn ein Tempoverlust ab, der von mehreren Bremsfaktoren ausgelöst wird. Einiges spricht dafür, dass die Highspeed-Zeiten nicht so bald wiederkehren.

Nach einem fulminanten Jahr 2018 mit Wachstumsraten zwischen rund 3% und 5% wird das BIP in Polen, Tschechien und Ungarn 2019 noch um rund 2 1/2% bis 4% gegenüber dem Vorjahr zulegen. Damit stehen die Zeichen auf Ab­kühlung, wenngleich die Dynamik deutlich oberhalb des EU-Durchschnitts bleibt.

Privater Verbrauch trägt Wachstum

Der private Konsum ist in den drei Ländern weiterhin ein wichtiger Pfeiler des Wachstums. Insbesondere Polen und Ungarn haben durch eine konsequent verbraucherfreundliche Politik gezielt den privaten Verbrauch gestärkt. Das Konsumentenvertrauen scheint seinen Zenit allerdings überschritten zu haben, sodass beim Konsum nach den hohen Vorjahreswerten für 2019 von schwächeren Zuwachs­raten auszugehen ist.

Auch das Industrievertrauen hat abgenommen. Die Auftrags­eingänge und die Produktion für die kommenden Monate werden von den Unternehmen kritischer eingeschätzt als noch vor einigen Monaten. Zusätzlich sorgen die Arbeitsmärkte für Ungemach: Die Arbeitslosenquoten haben historische Tiefstände erreicht. In Tschechien übersteigt mittlerweile die Zahl der freien Stellen deutlich die Zahl der Arbeitslosen.

Engpassfaktor Fachkräftemangel

Nach EU-Umfragen fühlen sich Unternehmen in Ungarn am stärksten vom Fachkräftemangel ausgebremst: Fast 90% der befragten Unternehmen sind mittlerweile überzeugt, dass der Faktor Arbeit die Produktion einschränkt, Tendenz steigend. In Polen und Tschechien wird dies ebenfalls zunehmend als Problem empfunden. Gleichzeitig steigt die Kapazitätsauslastung in allen drei Ländern weiter stark an und nähert sich den Höchstständen vor der Finanzkrise bzw. überschreitet sie bereits, wie in Polen.

Das Problem des immer engeren Arbeitsmarktes lässt sich nicht kurzfristig lösen. Die Politik verfügt z.T. sogar kontraproduktive Maßnahmen – so in Polen, wo die Regierung Ende 2017 eine Erhöhung des Rentenalters zurückgenommen hatte. Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung deuten auf eine weitere Verknappung am Arbeitsmarkt hin. Polen holt daher bereits ukrainische Gastarbeiter ins Land und hofft, dass im Zuge des Brexit ein Teil der auf eine Million geschätzten Landsleute aus Großbritannien zurückkehrt. Tschechien plant Änderungen bei der Berufsaus­bildung. Rasche Abhilfe wird dies jedoch nicht bringen.

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Die Arbeitsmarktproblematik wird sich nicht kurzfristig lösen lassen.

Inflation bleibt moderat

Trotz Lohnerhöhungen in z. T. zweistelliger Höhe sind die Inflationsraten in den drei Ländern bislang nur moderat gestiegen. Die Notenbanken in Ungarn und Polen werden den Leitzins 2019 daher aller Voraussicht nach noch nicht anheben, was den Regierungen gelegen kommen dürfte. Die Tschechische Zentralbank hingegen hat kurz nach der Aufhebung des Euro-Krone-Mindestkurses schon 2017 einen konsequenten Zinsstraffungskurs eingeleitet, der 2019 fortgesetzt wird. Möglichen Preistreibern wie Lohnerhöhungen und stark ausgelasteten Kapazitäten in den drei Ländern stehen die langsamere Gangart der Konjunktur sowie der hohe Wettbewerb und Produktivitätsfortschritte der Unternehmen gegenüber. Insgesamt wird der Verbraucherpreisanstieg 2019 mit rund 2% (Polen und Tschechien) und 3 ½% (Ungarn) daher im Rahmen der Inflationsziele der Notenbanken bleiben.

Stabile Fiskalpolitik als Signal an Investoren

Die expansive Fiskalpolitik hat das Wachstum entscheidend unterstützt. Dennoch bleiben die Haushaltssalden in Polen, Tschechien und Ungarn in den Grenzen der Konvergenz­kriterien, wie die letzten Berichte von EU-Kommission und EZB dazu bestätigen. Die Länder dürften weiterhin Ergebnisse anstreben, die Investoren Stabilitätsorientierung signalisieren und unnötigen Ärger mit der EU vermeiden. Die polnische Regierung wird mit Blick auf die Parlamentswahlen im Herbst 2019 spendabel bleiben. Die beste Zeit zur Konsolidierung ist mit dem Konjunkturboom jedenfalls verstrichen.

Standortattraktivität zählt

Die konjunkturelle Entwicklung in Zentralosteuropa ist untrennbar verknüpft mit den Investitionsbedingungen. Noch können Polen, Tschechien und Ungarn hier wichtige Argumente in die Waagschale werfen, wie attraktive Steuersätze, relativ niedrige Arbeitskosten und üppige Fördermöglichkeiten aus EU-Mitteln.

Ungarn ist mit einer Unternehmensbesteuerung von rund 11% EU-weit unschlagbar, aber auch Polen und Tschechien liegen mit 19% weit unter dem deutschen Wert von rund 30%. Die Arbeitskosten sind trotz kräftiger Lohnerhöhungen immer noch vergleichsweise niedrig. Zudem gibt es im Rahmen der EU-Strukturpolitik und von den nationalen Regierungen teils umfangreiche Förder­möglich­keiten, von denen z. B. Investitionen der deutschen Automobilindustrie vor Ort profitieren.

Querelen mit der EU, wie die laufenden Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen Polen und nun auch gegen Ungarn, schrecken Investoren bislang offenbar kaum ab. Neue Produktionsstätten sind in Planung. Ohnehin könnten am Ende eines langwierigen Verfahrens stehende Sanktionen wie ein Stimmrechtsentzug nur nach einstimmiger Fest­stellung der Regelverletzungen beschlossen werden, was wenig wahrscheinlich ist.

Der Brexit würde sich in den drei Ländern, zumal im Falle der zurzeit diskutierten Freihandelslösung, direkt weniger stark auswirken. Zudem sind die Handelsströme nach Großbritannien nicht sehr umfangreich. Daher würde sich eine Konjunkturverlangsamung eher indirekt über die EU-Wirtschaft bemerkbar machen, wenn auch der Effekt überschaubar bleiben dürfte.

Die Probleme der deutschen Automobilindustrie (Abgasnormen, drohende Zölle) könnten bei sinkender Produktion auch die damit verbundenen Produktionsstätten in Tschechien und Ungarn beeinträchtigen. Hier gilt es jedoch Chancen zu ergreifen, indem bei der Errichtung neuer, wettbewerbsfähiger Werke wie etwa in Ungarn technische Fortschritte genutzt und geänderte Vorschriften berücksichtigt werden.

Bevölkerung steht zur EU-Mitgliedschaft

Dass die Länder von ihrer Mitgliedschaft in der EU profi­tieren, scheint zumindest den Einwohnern klar zu sein, auch wenn besonders die Regierungen in Polen und Ungarn immer wieder auf Konfrontationskurs gehen. Nach einer Umfrage des Europaparlaments vom Herbst 2018 sind in Tschechien fast zwei Drittel der Bevölkerung dieser Meinung, in Ungarn und Polen sind es sogar rund 80% bis 90%.

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Polen, Tschechen und Ungarn sind sich der Vorteile ihrer EU-Mitgliedschaft bewusst.

Dies spricht derzeit gegen hier und da auftauchende Meldungen über einen EU-Ausstieg der Länder – zumindest unter der Annahme, dass die Regierungen auf das Votum der Bevölkerung Wert legen. In Polen ist die Mehrheit, die angibt, sich im Falle eines Referendums für den Verbleib in der EU zu entscheiden, mit gut 70% am größten, am knappsten fällt die Zustimmung in Tschechien aus. Von einer Euro-­Einführung sind die Länder aber so weit entfernt wie schon lange nicht mehr. Für das Investorenvertrauen sind solche Diskussionen alles andere als förderlich.

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