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Deutschland

Digitalisierung als Jobwunder

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Es grassiert die Angst vor der Digitalisierung. Untergangspropheten sehen eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Robotisierung und künstliche Intelligenz. Die Einkommen und in der Folge der Konsum brächen ein. Die ganze Wirtschaft würde ins Schlingern geraten. Haben die Pessimisten Recht oder sprechen die Fakten eine andere Sprache?

In vielen deutschen Regionen herrscht Vollbe­schäftigung. Für manche Unternehmen ist der Fachkräftemangel das größte Wachstums­hemmnis, für andere sogar schon ein Geschäfts­risiko. Bei Tarifverhandlungen sitzen die Arbeitnehmer am längeren Hebel und die Abschlüsse fallen entsprechend höher aus.

Die gute Beschäftigungsentwicklung in den letzten zehn Jahren mag auch durch Arbeitsmarktreformen, die boomende Weltkonjunktur und die starke Binnennachfrage begünstigt worden sein. Der Blick in die einzelnen Branchen lehrt aber, dass der strukturelle Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft ein wesentlicher Treiber war. Die Beschäftigung in den Dienstleistungsbereichen ist in Deutschland seit 2008 um 21% gestiegen, während es insgesamt „nur“ 16% waren. Aber nicht alle Dienst­leistungsbranchen bauten seit der Finanzkrise Arbeits­plätze auf, und nicht alle Branchen des Produzierenden Gewerbes zeigten eine verhaltene Dynamik. Outperformer war hier vor allem der Bau. Bei den Dienstleistungen fiel der Anstieg bei „Information / Kommunikation“ besonders stark aus.

Auch handfeste Branchen boomen

Offensichtlich ist die hohe Dynamik im Bausektor. Dies zeigt sich vor allem in den Städten. Der Bedarf an Wohnungen ist aufgrund der steigenden Bevölkerung und seit Jahren zu geringer Neubautätigkeit gigantisch. Niedrige Zinsen und eine gute Beschäftigung tun das Übrige. Im Bundesdurchschnitt nahm die Zahl der Beschäftigten in der Bauwirtschaft seit 2008 um 15% zu, in Frankfurt beispielsweise waren es sogar 25%. Dieser Anstieg macht deutlich, dass in einer Zeit, in der alle vom Strukturwandel hin zu mehr Dienst­leistungen und Automatisierung sprechen, auch sehr hand­feste Branchen des Produzierenden Gewerbes als Wachstums- bzw. Jobmotor dienen können.

Zitat

Jobs, die es noch nicht gibt, kann man sich schlecht vorstellen.

Beim Sektor „Information / Kommunikation“ kommt hingegen die Hinwendung zu Dienstleistungen voll zum Tragen. Entgegen der Untergangsprophezeiungen führt hier die Digitalisierung zu mehr Jobs. In den letzten zehn Jahren hat kein anderer Sektor eine solch hohe Job­dynamik aufweisen können. In Deutschland insgesamt kam es seit 2008 zu einem Anstieg um 24%. Noch dynamischer war die Entwicklung in der Bankenmetropole Frankfurt mit einem Plus von 33%. Dies bestätigt, dass die Schätzungen zur Substituierbarkeit von Jobs meist nur Einsparungen berücksichtigen, aber positive Beschäftigungseffekte vernachlässigen.

Für Erleichterung könnte auch ein Blick in die Geschichte sorgen – denn Strukturwandel gab es schon immer. Die Digitalisierung ist eine besondere Ausprägung davon. Die Welt ändert sich dadurch – zweifelsohne. Es wird Gewinner und Verlierer geben. In der Summe widerlegen aber die Daten die Prognosen der Untergangspropheten. Aggregiert ist die Digitalisierung kein Jobkiller, sondern sie scheint vielmehr ein Jobwunder zu schaffen. Dies war übrigens bei jeder technologischen Revolution in der Geschichte der Fall.

Dr. Gertrud R. Traud
Chefvolkswirtin und Bereichsleitung Research

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