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Editorial

2019 wird ein anstrengendes Jahr. Fitness ist somit wichtig. Nur mit einer ­gewissen Leistungsfähigkeit können die Heraus­forderungen bewältigt werden. Deshalb schicken wir die Weltwirtschaft ins Fitnessstudio.

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Sport kann eine wichtige Rolle für die Verbesserung des Lebens ­jedes ­Einzelnen spielen, ja nicht nur des Einzelnen, sondern von ­ganzen Gesellschaften.

Kofi Annan

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich gehöre zur Generation der Babyboomer. Gemessen an der Personenzahl sind wir die stärkste Bevölkerungskohorte – zumindest in den Industrieländern. Wir fühlen uns jung und wollen mit dem Begriff Senioren nichts zu tun haben. Allzu gerne folgen wir der Parole „50 ist das neue 40“. Manche ziehen davon sogar noch ein Jahrzehnt ab. Aber wie fit sind wir tatsächlich? Hier ist Ehrlichkeit gefragt.

Fünf Fitnesskategorien

Die Fitness des Einzelnen entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Trainingsziele. Nur Gewichte zu stemmen reicht nicht aus. Vielmehr bedarf es der Ausgewogenheit zwischen den fünf Faktoren: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit. Dies ist gerade für uns „Best Ager“ wichtig, denn laut zahlreicher Studien leben Menschen, die Sport treiben, länger als Stubenhocker.

Die modernen Fitnessstudios haben uns als Zielgruppe entdeckt. Die ursprüngliche Muckibude hat sich deshalb zu einem Ort weiterentwickelt, der alle Fitnessaspekte anvisiert. Neben Kardio- und Muskeltraining gibt es dort auch Rücken- und Yogakurse, Faszientraining und Pilates. Wie fit Sie sind, können Sie also selbst leicht testen.

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Die positiven Aspekte von Sport sind ­weit­reichend. Herz und Kreislauf werden gestärkt, die Stimmung steigt und selbst kognitive Prozesse werden angeregt.

Wie fit ist aber die Weltwirtschaft und wie bringen sich die einzelnen Länder in Form? Kann es sein, dass zwar alle davon sprechen, ihre Volkswirtschaft zu trainieren, sich dabei aber wie diejenigen verhalten, die sich im Januar im Fitnessstudio anmelden und schon wenige Wochen später nicht mehr zu sehen sind?

Hauptszenario: Weltwirtschaft im Fitnessstudio

In unserem diesjährigen Hauptszenario stellt sich die Weltwirtschaft 2019 den Herausforderungen des Fitnessstudios. Zunächst sollte jedes neue Mitglied einen Fitnesstest durchlaufen. Dabei zeigt sich, dass die einzelnen Länder unterschiedliche Fitnessgrade aufweisen und teilweise mit Problemzonen hadern.

Gemeinsam ist fast allen eine eingeschränkte Beweg­lichkeit. Ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise ist die Verschuldung in den Industrieländern unverändert hoch. Die Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer stieg in den letzten Jahren ebenfalls deutlich. Die Schulden des privaten Sektors sind derzeit fast überall höher als vor der Finanzkrise – Deutschland stellt hier trotz des Immobilienbooms eine Ausnahme dar.

Viele Nationen sind zwar sportlich aktiv, konzentrieren aber ihr Training auf kurzfristige Erfolge. Schnelligkeit, also hohe Wachstumsraten sind dort das Maß aller Dinge. Expansive Fiskalpolitik erhöht dabei das Wachstumstempo. In Kauf genommen wird eine steigende Verschuldung, was die Beweglichkeit einschränkt.

Dies scheint bislang das Trainingskonzept von Donald Trump zu sein. Wir empfehlen für die stärkste Wirtschaftsnation der Welt eine Anpassung des Trainingsprogramms, denn mehr ist nicht immer besser – manchmal sogar nicht mal gut.

Koordination und Ausdauer sind für die meisten Länder die größten Heraus­forderungen. Die Kunst der ersten Kategorie besteht darin, die einzelnen wirtschaftspolitischen Maßnahmen auszutarieren: z. B. zwischen Arbeit­geber und Arbeitnehmern, Stadt und Land, zwischen den Regionen, Branchen und sozialen Gruppen sowie zwischen Jung und Alt.

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Da sich die Trainingserfolge erst mit der Zeit einstellen, der Muskelkater aber unmittelbar auftritt, bedarf es einer gewissen Frustrationstoleranz.

Noch schwieriger ist die Ausdauer, also eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik zu betreiben. Dabei gibt es bedauerlicherweise keine kurz­fristigen Erfolge. Vielmehr werden diese häufig erst offensichtlich, wenn längst eine andere Regierung das Sagen hat. Das müssen die Entscheidungsträger lernen auszuhalten.

Hier muss an einer tragfähigen Renten­politik, einer wachstumsfördernden Bildungspolitik sowie am ökologischen Rahmen gearbeitet werden. Der schnelle Griff zu konsumtiven Staatsausgaben sollte zu Gunsten von Investitionen zurückgefahren werden. Dem Fitnessfaktor Ausdauer kommt in einer alternden Gesellschaft eine besondere Rolle zu. Dies gilt nicht nur für die Industrieländer mit ihren „alten“ Babyboomern, sondern auch China und Russland müssen sich diesem Thema stellen.

Die Belastung aus den hohen Schulden hielt sich in den letzten Jahren aufgrund extrem niedriger Zinsen in Grenzen. Je mehr Gewichte in Form von Zinssteigerungen aber jetzt von den Notenbanken aufgelegt werden, desto anstrengender wird es vor allem für die Hochverschuldeten.

Zahlreiche Herausforderungen

Neben den hohen Schulden, einer restriktiveren Geldpolitik und steigenden Zinsen führen der­zeit auch noch politische Unsicherheit, ein schwelender Handelskrieg sowie eine konjunk­turelle Abschwächung in vielen Ländern zu Ermüdungserscheinungen. In diesem Umfeld ein Training zu beginnen bedarf enormer men­­taler Stärke. Bei manchen Ländern empfiehlt sich deshalb ein Personal Trainer. Dieser macht dezidierte Vorgaben und sorgt dafür, dass man dranbleibt, auch wenn die Motivation nachlässt oder es wehtut. Vermutlich fühlt sich die EU-Kommission der­zeit mit Italien wie solch ein Coach.

Erste Trainingserfolge noch im Laufe des Jahres 2019

Der moderate Ölpreis ist eine Stütze für die Konjunktur in den Abnehmerländern. In Kombination mit einem höheren Euro-Kurs wird gerade die Eurozone besonders davon profitieren. Manche Schwellenländer erhalten ein Trainingsprogramm vom IWF, manche motivieren sich selbst und treiben Reformen voran. Gerade weil einige Länder ins Schwitzen kommen, werden sich bereits im Laufe des Jahres 2019 erste Erfolge ein­stellen. Die konjunkturelle Dynamik in der Eurozone und den Schwellenländern wird wieder etwas anziehen. Davon profitieren die jeweiligen Aktienmärkte und Währungen.

Trainieren kann man überall

Um seine Fitness zu erhöhen, muss man aber nicht unbedingt in ein Fit­ness­studio gehen. Die meisten Aktivitäten kann man auch zu Hause, im Park oder auf Feld, Wald und Wiesen durchführen. Die von uns ausgewählten Länder haben sehr spezielle Fitnessmethoden. In den USA begeistern sich viele für Wrestling, Russland fokussiert sich mit Schach auf kognitives Training. Die Chinesen setzen mit Tai Chi auf Koordination und Verlangsamung. In unserer Publikation finden Sie noch weitere Länder sowie entsprechende sportliche Betätigungen.

Negatives Alternativszenario: Notaufnahme

In unserem negativen Alternativszenario verweigern sich die Länder, an ihrer Fitness zu arbeiten. Historisch hohe Schuldenstände, die Vernach­lässigung einer investiven und auf nach­haltiges Wachstum ausgelegten Fiskalpolitik sowie ein stark eingeschränktes geldpolitisches Medikamentensortiment führen zu einem Kollaps. Einige Länder müssen schnells­tens in die Notaufnahme. Die Anleger fliehen und suchen Zuflucht in sicheren Anlageklassen.

Positives Alternativszenario: Wellnessoase

Ganz anders geht es in unserem posi­tiven Alternativszenario zu. Hier gleicht das wirtschaftliche Umfeld einer Well­nessoase. Alles fühlt sich sehr ent­spannt an, Leichtigkeit macht sich breit. Die Stimmung steigt, die Risiko­prämien sinken.

Die Vorteile von Fitness sind nicht neu. Schon Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) widmete diesem Thema mit seinem eigenwilligen Humor ein Gedicht.

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Ruf zum Sport

Sport macht Schwache ­selbstbewusster,
Dicke dünn, und macht
Dünne hinterher robuster,
Gleichsam über Nacht.

Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,
Kürzt die öde Zeit,
Und er schützt uns durch Vereine
Vor der Einsamkeit.

Joachim Ringelnatz


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen
viel Erfolg beim Fitnesstraining 2019.

Ihre

Chefvolkswirtin / Bereichsleitung Research

Dr. Gertrud R. Traud
Chefvolkswirtin und Bereichsleitung Research
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Hauptszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 70%

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Negativszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 20%

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Positivszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 10%

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